Der soziale Frieden zwischen großen Teilen der Belegschaft sowie der Geschäftsführung des Iserlohner Unternehmens Scheu-Dental GmbH scheint gestört. Der Grund dafür sei die beabsichtigte Gründung eines Betriebsrates, so der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Märkischer Kreis, Fabian Ferber.

Seit Wochen bereiten die Metall-Gewerkschaft und das Erschließungsteam der IG Metall Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit Freiwilligen aus dem Betrieb die erstmalige Wahl eines Betriebsrats bei dem Zahntechnik-Hersteller am Standort Iserlohn vor. Für Donnerstag, 30. April, hat die Gewerkschaft die Durchführung der Wahl eines Wahlvorstands um 10 Uhr angesetzt.

Aktiver Kollege freigestellt

Ferber war mit einigen Metallern zum Firmensitz an den Burgberg im Iserlohner Ortsteil Oestrich gekommen. Mit dabei auch Scheu-Dental-Mitarbeiter Olaf Loock, der von der Geschäftsführung freigestellt wurde, weil er mit federführend für die beabsichtigte Bildung der Arbeitnehmervertretung ist. „Der aktive Kollege wurde heute von der Arbeit freigestellt. In drei Tagen findet die Wahl des Wahlvorstands statt. Dieses Mittels zu diesem Zeitpunkt kann den Prozess zur Wahl massiv beeinflussen. Aus unserer Sicht reichen die Gründe für die Freistellung nicht aus. Der Kollege arbeitet seit über 25 Jahren treu für seinen Arbeitgeber. „Sein Interesse ist, dass für die Beschäftigten die betrieblichen Mitbestimmungsregeln gelten, die für bessere Arbeitsbedingungen sorgen. Das macht er, weil er seinen Arbeitgeber unterstützen will“, so Fabian Ferber. 

Der zweite Versuch

„Bereits im vergangenen Jahr hatten die Beschäftigten versucht, einen Betriebsrat zu gründen. Die Mitarbeitenden sind von der Unternehmensleitung schon damals massiv unter Druck gesetzt worden“, weiß Fabian Ferber. Der IG Metall-Bevollmächtigte sieht darin eine massive Behinderung der möglichen Betriebsratswahl und fügt unmissverständlich hinzu: „Wer so etwas macht, begeht eine Straftat. Die Methode Elon Musk lassen wir hier nicht zu.“ Der Multi-Milliardär hatte die Betriebsratswahl im Tesla-Werk erfolglos behindert.

Pressegespräch vor Unternehmenssitz

Um auf die Vorgänge bei Scheu-Dental aufmerksam zu machen, hatte Ferber mit einigen Mitstreitern – allen voran Olaf Loock - kurzfristig zu einem Pressegespräch vor den Unternehmenssitz Am Burgberg eingeladen. Die anwesenden Medienvertreter erfuhren vor Ort weitere Details. „Vor einigen Wochen ist eine hohe zweistellige Zahl an Beschäftigten der Firma auf den Zahntechnik-Hersteller Scheu-Dental in Iserlohn zugegangen, um die Gründung eines Betriebsrats in dem bislang betriebsratslosen Unternehmen zu ermöglichen.

Olaf Loock möchte, dass bei Scheu-Dental ein Betriebsrat gewählt wird, für den der 56-Jährige auch kandidiert.
Foto: Hendrik Klein / LokalDirekt

Die IG Metall macht von ihrem Recht Gebrauch, für Donnerstag zu einer Versammlung zum Zweck der Wahl eines Wahlvorstands im Betrieb einzuladen. Die Versammlung wird zusammen mit den betrieblichen Initiatoren durchgeführt.“

Beglaubigung durch Notar

Die Initiatoren hätten sich von einem Notar beglaubigen lassen, dass sie den Prozess zur BR-Wahl angestoßen haben. Ferber: „Damit genießen sie gemäß § 15 Abs. 3b Kündigungsschutzgesetz besonderen Kündigungsschutz.“ Einer der Hauptinitiatoren habe unter Hinzuziehung fragwürdiger Behauptungen vom Arbeitgeber die Mitteilung erhalten, dass er bis auf Weiteres von seiner Tätigkeit freigestellt werde. Er habe am Montag dem Arbeitgeber gegenüber vorweisen können, dass eine notarielle Beglaubigung im genannten Kontext bestehe. Dennoch halte der Arbeitgeber an dessen Freistellung fest.

Wahl des Wahlvorstandes Donnerstag

Da in dieser Woche sowohl eine fragwürdige Informationsveranstaltung des Arbeitgebers zur Betriebsratswahl am Dienstag stattfinde wie auch die Wahl des Wahlvorstands am Donnerstag, sei der Kontext dieses Handelns eindeutig. „Hier soll jemand, der eine Betriebsratswahl vorantreibt, massiv beeinträchtigt werden. Der Arbeitgeber stellt indes auch im Betrieb die Integrität des Kollegen in Frage“, erklärt der IG Metall-Bevollmächtigte.

Die Gewerkschaft ruft dazu auf, dass alle Maßnahmen, die auch nur den Anschein einer Beeinflussung erwecken können, unterbleiben. Ferber: „Das Gesetz sieht vor, dass am Donnerstag nicht über die Wahl des Betriebsrats entschieden wird. Es wird ein Wahlvorstand gewählt.

Seit 2000 im Unternehmen

Olaf Loock ist seit 2000 bei der Scheu-Dental GmbH beschäftigt. Er habe sich nie etwas zu Schulden kommen lassen, so der 56-jährige Iserlohner. Loock erinnert sich – wie die meisten Beschäftigten – gerne an die Zeiten, als das Unternehmen noch familiengeführt gewesen ist. 2020 sei es dann an die Investoren-Gruppe verkauft worden. Grund sei gewesen, dass der Juniorchef und potentielle Unternehmensnachfolger überraschend verstorben sei. Erst vor wenigen Wochen feierte die Firma ihr 100-jähriges Jubiläum. Bis zur Übernahme der Armira Industrieholding im Jahre 2019 sei die Firma ein „gesundes, mittelständisches Unternehmen“ gewesen, so der Mitarbeiter. Doch seit Längerem habe man nun den Wunsch gehegt, eine Arbeitnehmervertretung zu gründen. „Wir hoffen darauf, dass wir gemeinsam mit dem Arbeitgeber ein Beispiel schaffen, dass betriebliche Mitbestimmung sozialen Frieden bringt“, erklärt der Gewerkschafts-Sekretär.

Solidarität von Risse + Wilke

Ein Beleg dafür, dass die Stimmungslage bei den Scheu-Dental-Beschäftigten seither deutlich gelitten habe, belege der Umstand, dass rund 30 von ihnen der Einladung der IG Metall zu einem Vorgespräch in die Iserlohner Geschäftsstelle gekommen sei. „So viele haben wir ganz selten“, erklärt Fabian Ferber vor Ort. Unterstützung bekommen die Betriebsrats-Aktivisten von ihren Kolleginnen und Kollegen der Letmather Risse + Wilke GmbH und Co. KG. Einige von ihnen solidarisierten sich und kamen zum Pressetermin, um den Initiatoren der Betriebsratswahl Mut zu machen.

Olaf Loock kandidiert

Die nächsten Schritte sind zunächst die Wahl einen Wahlvorstandes. Dessen Mitglieder genießen laut Betriebsverfassungsgesetz vom Zeitpunkt ihrer Wahl ein Sonderkündigungsschutz. Der wirkt sogar noch sechs Monate nach der BR-Wahl nach. Betriebsratsmitglieder sind ohnehin nur sehr schwer kündbar. Für Olaf Loock steht jedenfalls fest: „Ich kandidiere.“ Die IG Metall wird genau darauf achten, dass der 56-Jährige für seinen „Wahlkampf“ auch Zutritt zum Unternehmen bekommt. Vorausgesetzt, die vom Unternehmen genannte Mitarbeiterzahl von 300, 200 davon am Standort Iserlohn, ist korrekt, könnte ein neunköpfiger Betriebsrat gewählt werden.

Keine Stellungnahme des Unternehmens 

Diese Redaktion hatte im Zuge der journalistischen Sorgfaltspflicht auch die Unternehmensführung von Scheuer-Dental um eine Stellungnahme gebeten. Der von Geschäftsführer Alireza Assadi zugesagte Rückruf blieb allerdings aus.