Er war einst ein „Zugpferd“ für die Grünen, Identifikationsfigur der Partei, zuletzt, 1998 bis 2005, Außenminister. Etwas müde wirkend, sichtlich gealtert, zieht Joseph "Joschka" Martin Fischer noch immer. Lange war das PZ der Gesamtschule Kierspe bei einer Kulturveranstaltung nicht mehr so voll wie am Mittwochabend, 27. Mai. Mehr als 400 Besucher wollten von Fischer wissen: „Wer sind wir?“

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Der ehemalige Vizekanzler war Gast der Literaturtage, die die Buchhandlung Schmitz und die Stadtbücherei Meinerzhagen in Verbindung dem mit KUK-Verein organisiert hatten. Das Publikum mit dem Idol gealtert, interessierte sich für Fischers Sicht auf Welt. In dem Buch, das gerade mal drei Wochen vor dem Termin in Kierspe in den Handel kam, beschäftigt er sich mit Deutschlands Suche nach der Identität in einer sich rasant ändernden Welt voller Krisen und fehlendem Schutz des „großen Bruders“ von der anderen Seite des Atlantiks.

Die Antwort ist klar. Sie zog sich in Varianten wie ein roter Faden durch den Abend: Deutschland und Europa hätten „keine Zukunft, wenn wir uns national begrenzen“. Durch den Rückzug der USA entstehe für Europa „ein gewaltiger Druck“ und die Notwendigkeit „eigene Fähigkeiten zuentwickeln“. Angesichts des Expansionsdrangs Putins sei Europa zudem „gut beraten, an der Unterstützung der Ukraine festzuhalten.“ Europa und Deutschland müssten „lernen groß zu denken“ und realisieren, dass man allein dastehe, sich auf Trump und die USA nicht mehr verlassen könne.

Mit rund 400 Besucherinnen und Besuchern war das PZ so voll wie lange nicht mehr bei einer Kulturveranstaltung.
Foto: Rüdiger Kahlke

"Wehrlos war nie meine Haltung“

Wäre Europa stärker, hätte es auch eigene Interessen im aktuellen Krieg am Persischen Golf einbringen können. Diese machtpolitische Abstinenz könne „man sich nicht mehr erlauben“. Stärke, Abschreckung sieht Joschka Fischer als Gebot der Stunde und betont: „Wehrlos bleiben ist nie meine Haltung gewesen.“ Für manche Öko- und Friedensbewegte, die die Grünen als ihren politischen Arm gesehen haben, eine Haltung, mit der sie fremdeln.

Moderator Matthias Bongard gelang es in dem 90-minütigen Gespräch, den Themenkreis auch um innenpolitische Aspekte zu erweitern und neue Impulse zu geben. Eng mit Stärke und Sicherheit verbunden ist auch die Frage der Wehrpflicht. Fischer fand es sinnvoll „neue Wege auszuprobieren“,wie jetzt mit der Freiwilligkeit. Aber: „Wenn das nicht reicht, geht an der Wehrpflicht kein Weg vorbei“, ist für ihn klar.

Im Gespräch mit Moderator Matthias Bongard (r.) stellte Joschka Fischer (l.) im PZ der Gesamtschule sein neues Buch "Wer sind wir?" vor.
Foto: Rüdiger Kahlke

„Politik muss Klartext reden“

Ansonsten eher bedächtig sprechend, lange überlegend, warnte der Ex-Außenminister vor der AfD als „große Gefahr“. Sie stelle die Leistungen Adenauers und Brandts, die „Europäisierung Deutschlands“, infrage. „Ich hoffe, dass Deutschland und Europa stark genug sind, die nationalen Kräfte zurückzudrängen“, appellierte Fischer unter Beifall, sich gegen den rechtspopulistischen Trend zu stemmen. Er könne nicht begreifen, wie man „nach allem, was passiert ist, mit dem altem Gerümpel zurückkommen kann.“ Man dürfte es nicht zulassen, „dass ein paar Verhetzte unser Land ruinieren.“ Für den Herbst erwarte er „große Erschütterungen“ mit Reaktionen von Menschen, die sich ihr „Land nicht von Idioten kaputtmachen lassen wollen.“

„Wehrlos war nie meine Haltung“, betonte Joschka Fischer.
Foto: Rüdiger Kahlke

Von der Politik fordert er Klartext zu reden. „Angst vor dem Volk ist ein schlechter Ratgeber“, so Fischer. Gerade wenn die Lage ernst sei, müsse man die Bevölkerung mitnehmen und „auch bittere Wahrheiten auf den Tisch legen“. Politiker müssten „die Traute haben, Menschen die Wahrheit zusagen“, betonte er mit Blick auf notwendige Reformen. Wirtschaftliche Erneuerung habe zuletzt Rot-Grün vor gut 20 Jahren hingekriegt. „Wir haben es nicht schlecht gemacht“, zeigte sich Fischer überzeugt.

„Raus aus dem Jammertal“

Deutschland habe sich mittlerweile „in ein endloses Jammertal gejammert“, meinte er und machte zum Schluss Mut: „So schlimm, wie wir uns selbst darstellen, ist es nicht“. Man sei immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft. „Wenn wir uns auf die neue Welt einstellen, haben wird das Potenzial in Europa, dass wir die Kurve kriegen.“ Es gelte, darum zu kämpfen, „dass sich die Leute für das Richtige entscheiden. Es geht. Politik muss glaubwürdig sein“, lautete Fischers Appell.

Joschka Fischer beim Signieren seines Buches "Wer sind wir?".
Foto: Rüdiger Kahlke

Die Meinungen nach der Veranstaltung waren geteilt. Sie bewegten sich zwischen „nichts Neues“, „die Analyse ist richtig“ bis zu „fehlenden Lösungen“. Wenn auch manche zweifelten, dass Aufrüstung das einzige Rezept sei, bei der Sorge um neuen Nationalismus und die Demokratie waren sich alle mit Fischer einig. Der Beifall jedenfalls war dem 78-jährigen Mahner sicher.