Ein LokalDirekt-Team ging der Frage nach, ob sich Tierliebe mit dem Genuss von Milch und Käse vereinbaren lässt. Direkt vor Ort, auf dem Milch-Bauernhof von Familie Hedfeld sprachen sie über Tierwohl, Wirtschaftlichkeit und dem Abwägen von Für und Wider.

Auf der Suche nach Antworten

Käse, Joghurt, Quark — das sind alles Milchprodukte, die ich sehr gern genieße — aber ich mag auch Kühe und weiß, wie Milch produziert wird. Lassen sich meine Vorlieben beim Essen mit meiner Tierliebe vereinbaren? Dieser Frage wollten mein Kollege Elias Jung und ich nachgehen und durften dazu den Hof Crummenerl-Peveling-Hedfeld in Kierspe Ober-Heukelbach besichtigen. Nach diesem Besuch habe zumindest ich für mich eine Antwort gefunden.

Wir wählten hierfür einen ganz besonderen Tag, denn am Donnerstag, 9. April, durften die Kühe zum ersten Mal seit dem Herbst wieder raus auf die Weide.

Wettrennen auf die Weide

Bei unserer Ankunft sind alle Kühe noch in ihrem großen Freilaufstall und fressen das Futter, das sie kurz vorher gefüttert bekamen. Die Landwirte Fabian und Louis Hedfeld prüfen währenddessen noch ein letztes Mal den Zugang vom Stall zur Weide, damit die Kühe auf dem Weg dorthin auch nicht auf Abwege geraten können.

Dann ist es soweit. Mein Kollege postiert sich mit der Kamera auf der Weide, um den ersten Ausflug der Kühe aufs Grün im Bild festzuhalten. Dass die Tiere wissen, wohin sie der Weg führt, zeigen sie schon auf den ersten Metern nach dem Stall: Sie buckeln und muhen vor Freude, versuchen, sich gegenseitig zu überholen und können es augenscheinlich nicht erwarten, endlich auf der Weide anzukommen.

Trennung von Kuh und Kalb

"Das ist jetzt die Hochleistungsgruppe mit insgesamt 96 Tieren", kommentiert Fabian Hedfeld den Austrieb der Kühe. "Sie haben alle in den letzten Wochen gekalbt und geben somit aktuell die meiste Milch mit rund 30 Litern pro Kuh und Tag."

Damit gibt er mir das Stichwort für die Frage, die alle Milchliebhaber bewegt: „Die Kühe geben ja nur Milch, weil sie vorher ein Kalb bekommen haben, das ihnen nur wenige Stunden nach der Geburt weggenommen wird — ist das nicht grausam?“

Eine Frage, die den beiden jungen Landwirten oft gestellt wird. Auch sie fänden es besser, wenn die Trennung von Muttertier und Kalb nicht notwendig wäre, aber, wenn man Milch für eine große Verbrauchergruppe produzieren will, gehe es nicht anders. „Ja, es gibt Landwirte, die Mutterkuhhaltung betreiben, dann bleiben die Kälber bis zu einem Jahr bei den Müttern. Die Trennung danach wäre aber um ein Vielfaches schlimmer für das Muttertier und das Kalb, denn die Bindung wäre dann noch enger — und Kühe verstoßen ihre Jungtiere nicht nach einiger Zeit, wie es andere Tierarten tun“, wissen beide.

Die Muttertierhaltung ist auch deutlich gefährlicher für den Landwirt. „Eine Kuh, die ihr Kalb bedroht sieht, greift auch schon mal an“, erläutern sie. Und sogar für die Kälber bedeute der Verbleib in der Herde eine Verletzungsgefahr: „Im Freilaufstall, wie er bei uns praktiziert wird, würden sie den erwachsenen Tieren immer zwischen den Beinen herumlaufen. Ganz kritisch würde es im Melkstand, denn da ist es zu eng, als dass die Jungtiere zwischen den Beinen der Kühe rumlaufen könnten. Und eine Trennung vor dem Melken mit anschließender Zusammenführung danach funktioniert nicht“, machen die Brüder deutlich.

Ralf Crummenerl, der seit vielen Jahren mit Fabian Hedfeld und Hubert Peveling in einer GbR zusammenarbeitet, stellt auch den wirtschaftlichen Aspekt in den Raum. „Wenn das Kalb, wie in der Muttertierhaltung, nur die Milch der Mutter trinkt, bleibt einiges weniger für den Verkauf übrig. Und davon leben wir nun einmal. Würden wir es anders handhaben, hätten wir hier einen Gnadenhof, aber die Verbraucher weder Milch noch Käse“, erklärt er pragmatisch.

Nicht nur die Wirtschaftlichkeit zählt

Dass es den drei Landwirten nicht nur um die Wirtschaftlichkeit, sondern auch um jedes einzelne Tier geht, zeigt sich bei unserem Gespräch auf der Weide, mitten zwischen den 96 Kühen. Immer wieder kommen sie neugierig an, untersuchen die Kamera und den Kollegen oder stupsen die Brüdern Hedfeld so lange an, bis sie Aufmerksamkeit bekommen.

Den Kühen diese Zuwendung zu geben, ist für die Landwirte ganz normal. „Jede Kuh hat einen Namen. Und dass wir uns um Rosi, Dobby, Wenke und die anderen Tiere kümmern, ist ja ganz selbstverständlich“, sagt Fabian Hedfeld. „Alle 14 Tage ist der Tierarzt auf dem Hof, untersucht tragende und gerade gekalbte Kühe und schaut generell nach dem Gesundheitszustand jedes einzelnen Tieres.“

Neben den 96 Hochleistungskühen gehören noch 50 Kühe aus der Niederleistungsgruppe (hauptsächlich trächtige Tiere) und 14 sogenannte trockene Kühe zum Hof. Alle Tiere sind eigene Nachzuchten. „Meist schaffen die Kühe die Geburten ganz allein, aber ab und zu müssen wir doch mal Geburtshilfe leisten“, sagt der erfahrene Landwirt.

Damit versorgen die Brüder Hedfeld aktuell 160 Kühe. Dazu gehört unter anderem das Füttern, das Reinigen des Stalles, das Mähen der Weideflächen und das Einfahren von Silage. Viel Zeit kostet dabei das tägliche Melken, das morgens und abends geschieht.

Zweimal am Tag wird gemolken

„Bevor der Melkvorgang startet, wird jede einzelne Zitze desinfiziert, vorgemolken und nochmal gereinigt. Nach dem Melken, das übrigens automatisch stoppt, sobald der Automat einen zu geringen Durchfluss registriert, wird jede Zitze dann noch mal gedippt, wie die Landwirte sagen. Dieses eincremen desinfiziert, hält die Haut geschmeidig und beinhaltet sogar einen Sonnenschutz“, erklärt Louis Hedfeld. Bis alle Kühe gemolken sind, vergehen somit knapp zwei Stunden — und das zweimal am Tag.

Nach dem Melken fließt die Milch in einen Tank, wo sie innerhalb von zwei Stunden auf vier Grad heruntergekühlt wird. Die Molkerei holt die Milch im 3-Tages-Rhythmus ab und verarbeitet sie weiter.

Ralf Crummenerl persönlich liebt übrigens, so wie die meisten Landwirte, die unverarbeitete Rohmilch. "Da braucht man auch keine Angst wegen der Kalorien zu haben", schmunzelt er. "Das Fett der Kuhmilch macht nicht dick!"

Endlich auf der Weide

Die Weidehaltung, die jetzt dank der milderen Witterung beginnen kann, ist aber auch eine Erleichterung für die Landwirte. „Wir sparen uns das Mähen der Weide und müssen auch keine Gülle aufbringen — das passiert ja ganz automatisch“, sagt Fabian Hedfeld mit einem kleinen Lächeln.

Aber es sei auch eine Frage des Tierwohls: "Für die Kühe ist es viel schöner, draußen leben zu können. Sie können richtig toben, interagieren, sich ausruhen wann und wo sie wollen oder einfach die Sonne genießen. Kurz gesagt: Sie können ein natürliches Verhalten ausleben", so Hedfeld. "Und zum Glück haben wir dafür rund um unseren Hof gute Voraussetzungen, da rund 70 von insgesamt 180 Hektar Weiden zum Großteil direkt an den Stall grenzen.“

Weniger Milch bei Weidehaltung

Allerdings müssen die Kühe aus der Hochleistungsgruppe am Abend wieder in den Stall. „Dort werden sie noch zugefüttert, damit sie die nötige Energie bekommen, um Milch zu produzieren“, erklärt Fabian Hedfeld.

Durch die Haltung auf der Weide geben die Kühe im Vergleich zur reinen Stallhaltung weniger Milch. „Aber die Milchleistung der Kuh ist für uns nicht das Hauptkriterium“, sagt Ralf Crummenerl. „Wichtig ist, dass sie gesund und aktiv ist.“ Und dazu trage die Weidehaltung einen großen Teil bei: Weil es dort trockener, sauberer und hygienischer ist, als es in einem Stall sein kann, halte sie unter anderem auch die Klauen gesund.

Zunächst dürfen die Kühe nur ein paar Stunden pro Tag auf die Weide, denn ihre Verdauung, speziell der Pansen, muss sich auf die Änderung im Speiseplan umstellen. Später ist dann ein Teil der Herde nahezu rund um die Uhr draußen. Im Herbst wird die Weidezeit dann langsam wieder reduziert, bis es über den Winter in die reine Stallhaltung geht.

Die Jungtiere bleiben aktuell übrigens noch im Stall, bis es definitiv keinen Frost mehr gibt, denn für die wechselnden Temperaturen sind sie noch zu empfindlich.

Zurück zur Anfangsfrage

“Kann man Milch und Milchprodukte mögen, aber sich dennoch wünschen, dass die Kühe als Milchproduzenten nicht darunter leiden müssen?“ Das war die Frage, die ich mir vor dem Besuch auf dem Hof Crummenerl-Peveling-Hedfeld gestellt habe.

Und ich habe für mich die Antwort gefunden: „Es ist eine Gratwanderung, aber es geht. Wenn die Tiere für die Arbeit, die sie für den Menschen leisten, so behandelt werden, wie auf dem Hof in Ober-Heukelbach. Mit Achtung und Zuwendung und nicht als Nummer. Im Vergleich zu manch anderem Betrieb leben die Kühe, so ist es mein Eindruck, auf diesem Hof offenbar glücklich.