Fehlende Betreuungsmöglichkeiten, Mental Load, knappe Ressourcen - diese und mehr Faktoren erschweren Müttern den Weg in die Politik. Grund genug für die Grünen, die Autorin Sarah Zöllner und Verena Schäffer, Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen zu einer Podiumsdiskussion einzuladen.
Auf dem Podium im Kunst- und Kulturcafé saßen außerdem Denise Brilla, Fraktionsvorsitzende des Ortsverbandes der Grünen in Schalksmühle, und Marjan Eggers, Vorsitzende der Kreistagsfraktion der Grünen im Märkischen Kreis. Moderiert wurde die Veranstaltung von Sina Löschke vom Ortsverband Halver.
Frauen und Mütter sind in Parlamenten selten vertreten
"Wir wollen heute diskutieren, wie Politik und Gesellschaft familienfreundlicher werden könnten", eröffnete Löschke die Diskussion. Frauen und Mütter im Alter zwischen 20 und 50 Jahren seien nach wie vor selten in Parlamenten vertreten.
"Es ist viel konstruktiver, auf das zu schauen, was möglich ist"
"Ich habe mein Buch bewusst nicht damit begonnen, wie schwierig alles ist", erklärte die Autorin Sarah Zöllner zu Beginn. "Es ist viel konstruktiver, auf das zu schauen, was möglich ist."
Und gerade Mütter können ihres Erachtens einen wertvollen Beitrag in der Politik leisten. Zöllner zitierte dazu eine von ihr interviewte Politikerin: "Wenn du Kinder hast, kennst du die ganze Stadt." Die Vernetzung von Müttern untereinander, aber auch mit Tageseinrichtungen, Sportvereinen und Schulen sei insbesondere auf kommunaler Ebene ein klarer Vorteil. Mütter seien oftmals nah an den Menschen und den Dingen, die sie bewegen - etwa, auf welchen Linien der Stadtbus fahren müsse und welche Wünsche die Kinder und Jugendlichen in einer Kommune haben.
Aber auch über Themen wie Elterngeld und Unterhaltsvorschuss würde oft entschieden, ohne die Ansichten der Betroffenen vorher einzuholen. "Fehlen Mütter und Menschen mit Fürsorgeverantwortung in den entsprechenden Gremien, findet ihre Perspektive tatsächlich oft viel zu wenig Beachtung."
"Ich kann auf jeden Fall viele Perspektiven einbringen"
Diesen Eindruck bestätigte auch Denise Brilla, Fraktionsvorsitzende der Grünen in Schalksmühle. Seit dem vergangenen November ist die Lehrerin und dreifache Mutter Mitglied im Gemeinderat. Im kommenden Jahr tritt sie als Direktkandidatin bei der Landtagswahl an.
"Dadurch, dass meine Kinder drei unterschiedliche Einrichtungen besuchen - eines einen kommunalen Kindergarten, eines eine Grundschule und ein weiteres eine weiterführende Schule im Nachbarort, bekomme ich natürlich viel mit. Und kann so vielleicht auch älteren Ratsmitgliedern, deren Kinder schon groß sind, aktuelle Eindrücke aus dem Schulalltag schildern - zum Beispiel, wenn es um die Digitalisierung geht", erklärte Brilla.
"Die Vereinbarkeitsfrage bleibt oft an den Frauen hängen"
Dass politische Teilhabe nicht allein eine Frage des Wollens ist, machte Verena Schäffer deutlich. "Die Vereinbarkeitsfrage bleibt oft an den Frauen hängen", erklärte die Ministerin. Dabei gebe es durchaus auch Männer mit Kindern, die das Thema inzwischen offensiv auf die politische Agenda setzen.
Schäffer verwies unter anderem auf Änderungen der Gemeindeordnung. Aufwendungen für die Betreuung pflege- oder betreuungsbedürftiger Angehöriger während der Mandatsausübung können erstattet werden. Auch die Möglichkeit hybrider Sitzungen könne in bestimmten Situationen dazu beitragen, politische Arbeit besser mit dem Familienleben zu vereinbaren.
Wie schwierig dieser Spagat trotzdem bleibt, schilderte Schäffer auch anhand ihres eigenen Alltags. So versuche sie etwa, sich den Freitagnachmittag für ihre Kinder freizuhalten. Gleichzeitig gebe es Wochenenden, an denen politische Termine kaum Zeit zuließen. Erst kürzlich habe sie an einem Wochenende ihre eigenen Kinder kaum gesehen, während sie als Ministerin Veranstaltungen zum Weltkindertag besuchte.
"Man muss sich nicht einreden, dass man immer alles gut kann und schafft", erklärte Schäffer. Es dürfe auch ausgesprochen werden, wenn eine Phase zu anstrengend werde.
20 Stunden für ehrenamtliche Kommunalpolitik
Dass diese Belastung keineswegs erst in der hauptberuflichen Politik beginnt, zeigte Marjan Eggers. Die Vorsitzende der grünen Kreistagsfraktion hatte vor der Veranstaltung einmal überschlagen, wie viel Zeit sie allein in der laufenden Woche in ihre kommunalpolitische Arbeit investiert hatte: rund 20 Stunden. Und dabei stünden die besonders arbeitsintensiven Monaten mit den Haushaltsberatungen erst noch bevor.
Eggers berichtete auch von Situationen, in denen sie selbst an ihre Grenzen gekommen sei. Zwei Wahlkämpfe, die anschließende Fraktionsbildung, gesundheitliche Probleme und familiäre Belastungen seien zeitweise zusammengekommen. Als Fraktionsvorsitzende versuche sie deshalb, auch bei anderen Mitgliedern aufmerksam zu sein, wenn Beruf oder Familie gerade mehr Raum benötigten.
Eine Fraktionsklausur habe ihre Fraktion zu Beginn der Wahlperiode beispielsweise bewusst gemeinsam mit Partnerinnen, Partnern und Kindern organisiert. Für Eggers ist das auch ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber den Familien, die politisch Engagierten im Alltag häufig den Rücken freihalten.
Wenn die Kinder mit in die Sitzung müssen
Wie wenig planbar Familienalltag sein kann, wurde spätestens bei den Fragen aus dem Publikum deutlich. Was passiert beispielsweise, wenn die organisierte Kinderbetreuung kurzfristig ausfällt?
Für Denise Brilla ist die Antwort pragmatisch: Dann müssen ihre Kinder im Zweifel mit ins Rathaus. Dort werde gemalt oder auch einmal länger als üblich ein Tablet genutzt. Negative Reaktionen ihrer Ratskollegen habe sie bislang nicht erlebt.
Auch Schäffer kennt Sitzungen mit Kind aus eigener Erfahrung. Nach der Geburt ihrer Kinder sei sie jeweils nach dem Mutterschutz wieder in die politische Arbeit eingestiegen und habe ihre Babys mit zu Fraktionssitzungen genommen. Belastend sei für sie damals vor allem das eigene Gefühl gewesen, andere zu stören, sobald das Kind unruhig wurde.
Heute versuche sie deshalb, jüngeren Kolleginnen und Kollegen genau diesen Druck zu nehmen. Kinder gehörten zum Leben - und damit gelegentlich auch zur politischen Arbeit.
Zwei Stunden - und dann ist Schluss
Bei den konkreten Verbesserungsvorschlägen herrschte auf dem Podium erstaunlich viel Einigkeit. Sitzungen müssten planbarer und vor allem kürzer werden.
Eggers nannte die Begrenzung von Rede- und Sitzungszeiten als eine vergleichsweise einfach umzusetzende Möglichkeit. Brilla wünschte sich ebenfalls feste Endzeiten sowie Einladungen und Unterlagen mit genügend Vorlauf. Wer neben Beruf und Familie politische Arbeit leiste, müsse die notwendige Vorbereitung schließlich irgendwo im Alltag unterbringen.
Schäffer wiederum sprach sie für attraktive Betreuungsangebote bei politischen Veranstaltungen aus. Ihre eigenen Kinder hätten inzwischen wenig Lust, sie zu Terminen zu begleiten - nicht zuletzt, weil diese für Kinder häufig schlicht zu langweilig seien.
Als geeigneter Beginn für ehrenamtliche politische Termine nannten Brilla und Eggers ungefähr 17 Uhr. Viel später werde es nach einem Arbeitstag und dem Familienalltag schwierig. Zugleich zeigte die Diskussion: Die eine perfekte Uhrzeit für alle gibt es nicht. Umso wichtiger sei es, überhaupt über die unterschiedlichen Bedürfnisse zu sprechen.
"Fangt klein an"
Genau darin sieht Sarah Zöllner einen entscheidenden Punkt. Familienfreundliche Politik beginne nicht erst mit großen Gesetzesänderungen, sondern häufig bei der Kultur innerhalb von Parteien, Fraktionen und Verbänden.
Sie selbst sei alleinerziehend und berichtete von einer internen Besprechung eines Verbandes, dessen Landesvorsitzende sie ist. Der Termin war zwischen 14 und 16 Uhr angesetzt - für Zöllner aufgrund der Betreuungszeiten ihres Kindes nicht machbar. Sie sprach das Problem an. Seitdem würden die entsprechenden Treffen nicht mehr nach 14 Uhr angesetzt.
Frauen, die sich politisch engagieren möchten, rät Zöllner deshalb, zunächst im direkten Umfeld anzufangen: "Fangt klein an." Ein Ortsverband könnte beispielsweise ein Einstieg sein. Wichtig seien außerdem Netzwerke und Menschen, die neuen Mitgliedern zutrauten, Verantwortung zu übernehmen.
Auch Brilla hat diese Erfahrung gemacht. Als die Grünen in Schalksmühle nach langer Abwesenheit wieder in den Gemeinderat einzogen, hätten sie zunächst vieles neu lernen müssen. Unterstützung habe es dabei sowohl aus dem grünen Kreisverband als auch von anderen Fraktionen gegeben. Inzwischen nimmt Brilla an einem Mentoring-Programm teil.
Wer noch nicht da ist, muss erreicht werden
Damit führte die Diskussion letztlich zu einer Frage, die über familienfreundliche Sitzungszeiten hinausgeht: Wie erreicht Politik überhaupt Frauen, die bislang noch keinen Kontakt zu Parteien haben?
Denn Netzwerke können den Einstieg erleichtern - sie müssen zunächst aber gefunden werden. Zöllner plädierte deshalb für eine politische Kultur, in der neue Mitglieder bewusst angesprochen, begleitet und ermutigt werden. Wer das Gefühl habe, mit der investierten Zeit tatsächlich etwas bewirken zu können, bleibe eher dabei.
Zum Abschluss zeichnete die Autorin eine Zukunftsvision: eine Politik, in der Menschen mit Fürsorgeverantwortung selbstverständlich in Parlamenten und politischen Spitzenpositionen vertreten sind und Parteien ihre Arbeitsweise entsprechend verändert haben.
In der abschließenden Diskussion waren sich die Teilnehmerinnen vor allem in einem Punkt einig: Hürden müssten zunächst angesprochen werden, um gemeinsam nach Lösungen suchen zu können. Dabei gehe es nicht nur um Mütter, sondern ebenso um Väter und andere Personen mit Fürsorgeverantwortung.











