Am VHS-Standort „Alte Post“ zeigt Thomas Schielke bei der Nacht der Kultur am 10. Oktober, wie Projektionen, Drohnen und Lichtgrafiken zu Mitteln des politischen Protests werden – und warum Hoffnung manchmal einen dunklen Raum braucht. Er bietet zwei Vorträge an (19 bis 19.45 Uhr und  20 bis 20.45 Uhr, Raum 007 im Erdgeschoss).

Einen Moment lang ist nichts zu sehen. Kein Bild, kein Logo, keine Überschrift – nur eine schwarze Fläche. Draußen ist es längst dunkel. Das Publikum in der Volkshochschule Lüdenscheid sitzt ebenfalls im Dunkeln. Dann beginnt ein Vortrag über ein Medium, das gerade dort seine besondere Wirkung entfaltet: Licht.

Thomas Schielke beginnt an diesem Abend bewusst mit der Dunkelheit. Denn Licht, so seine zentrale These, ist weit mehr als ein technisches Hilfsmittel. Es kann sichtbar machen, was sonst verborgen bleibt. Und es kann Menschen eine öffentliche Stimme geben, die über andere Möglichkeiten der Sichtbarkeit nicht verfügen.

Für Lüdenscheid ist das Thema besonders naheliegend. Die Stadt ist seit Jahrzehnten mit der Herstellung von Leuchten verbunden. Licht ist hier Produkt, Handwerk und Wirtschaftszweig. Schielke interessiert sich an diesem Abend jedoch für eine andere Dimension: Licht als politische Aussage.

Denn Sichtbarkeit im öffentlichen Raum ist ungleich verteilt. Wer über eine Fassade verfügt, kann bestimmen, was dort zu sehen ist. Wer sich eine Leuchtreklame leisten kann, erreicht ein großes Publikum. Für andere bleiben Plakat, Graffiti oder Demonstration. Oder – eine Projektion.

"Holograms for Freedom" war die weltweit erste Hologramm-Protestaktion, die am 10. April 2015 vor dem spanischen Parlament stattfand.
Foto: Holograms for Freedom. Madrid, 2015. Chief Creative Officier: Jose Maria Roca. Image: DDB Spain

Ein Beispiel führt Schielke in die USA. In Biddeford im Bundesstaat Maine wurde im Juli ein 25-jähriger Mann während eines Einsatzes der Einwanderungsbehörde ICE erschossen. Joan Sebastian Guerrero war nach den vorliegenden Angaben nicht das Ziel des Einsatzes; er hinterließ eine Frau und eine dreijährige Tochter. Menschen versammelten sich anschließend mit Kerzen an einer Kreuzung. In der folgenden Nacht erschien eine Friedenstaube als Projektion auf einer Hauswand. Ein Bild, erzeugt allein durch Licht.

Für Schielke liegt darin die besondere Kraft solcher Aktionen: Die Menschen nehmen sich ein Medium, das ihnen niemand zugeteilt hat. Sie müssen weder eine Wand besitzen noch eine Genehmigung für eine dauerhafte Beschriftung erhalten. Der Projektor steht an einem Ort – die Botschaft kann an einem völlig anderen landen.

Das Thema führt unmittelbar zur Frage nach der Ohnmacht. Klimakrise, politische Radikalisierung, gesellschaftliche Polarisierung und die Veränderung demokratischer Öffentlichkeit durch digitale Plattformen können bei Einzelnen das Gefühl erzeugen, die Probleme seien größer als die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Der Vortrag setzt diesem Gefühl einen Gedanken der amerikanischen Autorin Rebecca Solnit entgegen: Hoffnung beruhe gerade darauf, dass die Zukunft nicht feststehe und deshalb Raum für Handeln bleibe.

Thomas Schielke ist Lichtplaner bei Erco. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit alternativen Protestformen.
Foto: ERCO/Steve Schulte-Lippern

Auch Pablo Picassos „Guernica“ wird in diesem Zusammenhang zum Bezugspunkt. Inmitten der Darstellung von Zerstörung und Tod hält eine Figur eine Lampe ins Dunkel. Kein Scheinwerfer, keine Lösung – lediglich eine Geste des Hinschauens. Licht wird damit zum Symbol einer Haltung: nicht wegzusehen.

Historisch knüpft die Projektion an klassische Formen des Protests an. Das Plakat ist direkt und öffentlich, stößt aber an physische Grenzen. Eine hohe Fassade oder ein Zaun können die Botschaft vom eigentlichen Ziel fernhalten. Licht kann diese Grenzen überwinden. Der Projektor unterscheidet nicht zwischen Erdgeschoss und zwölftem Stock.

Noch weiter reicht die Projektion per Drohne. Das Zentrum für Politische Schönheit und das britische Kollektiv Led by Donkeys nutzten Licht als politisches Werkzeug. Im Januar 2025 entstand in Bochum eine Drohnen-Demonstration für Demokratie und gegen Rechtsextremismus. Der Nachthimmel wurde zur Projektionsfläche. Das dazugehörige Video erreichte nach den Angaben im Vortrag mehr als eine Million Aufrufe.

Damit wird deutlich, was Lichtprotest von herkömmlichen Protestformen unterscheidet. Er kann große Entfernungen überbrücken, Zäune und Sperrzonen umgehen und Orte erreichen, die für Demonstrierende nicht zugänglich sind. Gleichzeitig ist die Aktion flüchtig. Am nächsten Morgen bleibt keine Farbe auf der Fassade, kein Graffiti, keine dauerhafte Spur. Das Bild existiert für einen Augenblick – und anschließend vor allem in Erinnerungen und sozialen Netzwerken.

Auch Greenpeace hat diese Methode über Jahrzehnte eingesetzt. Nach Angaben Schielkes gab es seit 1988 mehr als 650 Lichtinterventionen an Fassaden, Kraftwerken und Regierungsgebäuden. Mit leistungsfähigeren Projektoren und sozialen Medien hat sich die Reichweite solcher Aktionen zusätzlich vergrößert.

Bei aller Faszination für die starken Bilder spart Schielke die Grenzen des Mediums nicht aus. Eine Projektion kann Aufmerksamkeit erzeugen, aber keine Gesetze verändern. Bilder können viral gehen, ohne dass daraus langfristige politische Veränderungen entstehen. Und je häufiger Unternehmen, Parteien und Marketingabteilungen dieselben ästhetischen Mittel einsetzen, desto größer wird die Gefahr, dass die Form ihre besondere Wirkung verliert.

Gerade deshalb, so die Argumentation des Vortrags, darf Lichtprotest nicht beim spektakulären Bild enden. Entscheidend sei, was danach geschehe: aus Staunen müsse ein Gespräch werden, aus dem Gespräch eine Haltung und daraus möglicherweise eine Handlung.

Am Ende kehrt der Vortrag nach Lüdenscheid zurück. Bei den Lichtrouten 2027 will Schielke selbst ein Projekt zur Geschichte der Greenpeace-Lichtinterventionen beitragen. Damit schließt sich der Kreis: Aus einem Medium, das in Lüdenscheid traditionell als Ware hergestellt wurde, wird ein Werkzeug öffentlicher Kommunikation.

Die zentrale Botschaft des Abends ist deshalb schlicht: Licht kann keine politischen Probleme allein lösen. Aber es kann sichtbar machen, dass Menschen nicht aufgehört haben, sich einzumischen.

Und vielleicht muss das nächste leuchtende Zeichen nicht aus Washington, London, Bochum oder Dessau kommen. Es kann auch von hier kommen.