Absolute Sicherheit gibt es im Gefängnis nicht. Doch Nordrhein-Westfalen setzt auf eine bundesweit einzigartige Methode, um neue gefährliche Drogen aus dem Vollzug fernzuhalten: speziell ausgebildete Spürhunde. Trainiert in Schalksmühle. Diensthunde des Justizvollzugs erkennen neue psychoaktive Stoffe (NPS).

NRW-Justizminister Dr. Benjamin Limbach (rechts) gemeinsam mit dem Ausbilder der Diensthundestaffel Darius Szeliga.

Alva bleibt plötzlich stehen. Mitten in einem nachgebauten Fitnessraum im Trainingszentrum der Diensthundestaffel des nordrhein-westfälischen Justizvollzugs in Schalksmühle verharrt die sechsjährige Belgische Schäferhündin regungslos vor einer Hantel. Kein Bellen, kein Kratzen, keine hektische Bewegung. Sie steht einfach da und starrt auf die Hantelscheibe.

Ein unscheinbarer Papierschnipsel gehört zu neuen psychoaktiven Stoffen (NPS).
Foto: Clever

Für die Besucher ist zunächst nicht erkennbar, was die Hündin entdeckt hat. Für ihren Hundeführer dagegen ist die Sache eindeutig: Fund. Im Hantelloch befindet sich ein winziger Papierschnipsel. Darauf: neue psychoaktive Stoffe, kurz NPS. Stoffe, die die Wirkung klassischer Drogen nachahmen und die den Justizvollzug zunehmend beschäftigen.

 „Das ist ein einmaliger Erfolg“

Justizminister Dr. Benjamin Limbach verfolgt die Vorführung aufmerksam. Im Trainingszentrum in Schalksmühle hat sich der Minister am Dienstag, 16. Juni, ein Bild von einer Entwicklung gemacht, die bundesweit bislang einzigartig ist. Erstmals ist es der nordrhein-westfälischen Diensthundestaffel gemeinsam mit dem Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen gelungen, Diensthunde darauf zu trainieren, neue psychoaktive Stoffe zuverlässig zu erkennen. „Das ist ein einmaliger Erfolg“, betont Limbach.

NPS gelten als besonders problematisch. Sie lassen sich nahezu unsichtbar auf Papier aufbringen und gelangen so über Briefe oder andere Wege in die Gefängnisse. Herkömmliche Kontrollen stoßen dabei häufig an ihre Grenzen. „Es handelt sich um sehr gefährliche Stoffe, die so aus dem Verkehr gezogen werden“, sagt der Minister. „Das ist eine sehr, sehr gute Ergänzung zu den anderen Mitteln, die wir im Justizvollzug einsetzen.“

 

Nach dem Fund "frieren" die Hunde ein.
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Wie groß die Herausforderung ist, verdeutlicht ein Beispiel, das bei dem Pressetermin mehrfach genannt wird. Bereits eine Menge NPS von der Größe eines einzelnen Kästchens auf einem karierten DIN-A4-Blatt kann ausreichen, um einen Rausch auszulösen. Ein vollständig präpariertes Blatt Papier könnte theoretisch genügend Wirkstoff enthalten, um zahlreiche Gefangene zu versorgen.

Absolute Sicherheit werde es in Gefängnissen zwar nie geben, betont Limbach. Die Diensthunde seien jedoch ein wirksames Instrument, um die Zahl der eingeschmuggelten Drogen deutlich zu reduzieren. Während der Minister spricht, läuft bereits die nächste Suchübung. Diesmal ist ein Papierschnipsel in einer Wand versteckt. Der Hund arbeitet hochkonzentriert. Auffällig ist die besondere Reaktion. Haben sie eine der gesuchten Substanzen gefunden, bleiben sie regungslos stehen. Sie „frieren ein“, wie die Ausbilder sagen.

Darius Szeliga, Trainer und Prüfer bei der Diensthundestaffel, erklärt den Grund. Die Hunde sollen nach Möglichkeit keine weiteren Partikel der Stoffe einatmen. Das starre Verharren dient daher nicht nur als eindeutige Anzeige für den Hundeführer, sondern auch dem Eigenschutz der Tiere.

Dabei handelt es sich keineswegs um unerfahrene Hunde. Die beiden ersten NPS spezialisierten Tiere waren bereits zuvor als Drogenspürhunde ausgebildet. Für die neuen Stoffe absolvierten sie eine zusätzliche vierwöchige Spezialausbildung.

Welche Stoffe genau dabei verwendet wurden, verraten die Verantwortlichen nicht. Aus Sicherheitsgründen bleiben die Details unter Verschluss. Der Erfolg sorgt inzwischen weit über Nordrhein-Westfalen hinaus für Aufmerksamkeit. Nach Angaben des Ministers haben bereits andere Bundesländer Interesse an den Erfahrungen der nordrhein-westfälischen Diensthundestaffel signalisiert. 

Dabei blickt die Einheit auf eine längere Geschichte zurück. Seit 2010 verfügt der Justizvollzug in Nordrhein-Westfalen über eine eigene Diensthundestaffel. Zunächst stand die Suche nach Betäubungsmitteln im Mittelpunkt. Seit 2019 werden die Hunde zusätzlich darauf trainiert, Datenspeicher und insbesondere verbotene Mobiltelefone aufzuspüren.

Heute arbeiten acht Diensthundeführer mit insgesamt 13 ausgebildeten Rauschgift- und Datenspeicherspürhunden. Sie kommen in allen 36 Justizvollzugsanstalten des Landes zum Einsatz. Wie gefragt ihre Arbeit ist, zeigen die Zahlen des vergangenen Jahres. Die Staffel absolvierte 322 Einsätze. Dabei spürten die Hunde 693 Betäubungsmittelfunde und 111 Handys auf.

Koordiniert wird die Einheit von Guido Schindler. Er weiß, wie viel Arbeit hinter einem einsatzfähigen Diensthund steckt. Denn die Ausbildung beginnt früh. Bereits im Alter von etwa acht Wochen zieht ein geeigneter Welpe bei seinem späteren Hundeführer ein. Danach folgen Monate intensiven Trainings. Er selbst ist mit seiner dreijährigen Hündin Evi vor Ort. Sie und Alva sind beiden ersten ausgebildeten NPS-Spürhunde.

Die eigentliche Ausbildung dauert rund drei Monate – dazu kommt die NPS-Spezialausbildung von rund vier Wochen, erklärt Darius Szeliga. Erst im Alter von zwölf Monaten werden die Tiere eingesetzt. Dann sind sie körperlich ausgewachsen und für die Anforderungen des Dienstes vorbereitet. Dabei komme es nicht allein auf die Rasse an. „Ein Hund ist zuerst ein Raubtier, dann ein Hund und erst danach spielen rassespezifische Eigenschaften eine Rolle“, sagt der Ausbilder.

 Zwar dominieren Belgische Schäferhunde die Staffel. Denn: Für die Arbeit im Justizvollzug seien kleinere Hunde geeigneter, da die Hafträume eng sind. Der Arbeitsalltag der Tiere ist anspruchsvoll. Bis zu neun Hafträume kann ein Hund an einem Tag kontrollieren. Dazwischen sind jedoch Pausen notwendig. Die konzentrierte Nasenarbeit verlangt den Tieren viel ab.

 

Entsprechend eng ist die Bindung zwischen Hund und Hundeführer. Sie endet auch nicht mit dem Ruhestand. Geht ein Diensthund in „Pension“, bleibt er in der Regel bei seinem Hundeführer. Das Land übernimmt weiterhin die Kosten für Futter und medizinische Versorgung bis zum Lebensende des Tieres. Für Justizminister Limbach ist das Ausdruck der Wertschätzung gegenüber den Vierbeinern und ihren Führern. „Die NRW-Justiz tut alles für die Hunde“, lobt Guido Schindler.

Im zweiten Durchgang zeigt Evi ihr Können im nachgebauten Haftraum. Wieder entdeckt sie innerhalb weniger Augenblicke die versteckten Papierschnipsel. Was für Menschen aussieht wie ein belangloses Stück Papier, ist für die Hündin ein Spur - ein Fund. Ein Fund, der künftig verhindern kann, dass gefährliche Drogen ihren Weg hinter Gefängnismauern oder in den Zellen gefunden werden.