„Lüdenscheid könnte ‘ne famous Stadt sein“, sagt Ikram, als sie in einer riesigen Halle im Forum in Lüdenscheid steht. Das hier einmal ein Wellenbad und ein Indoor-Spielplatz waren, beeindruckt die 14-Jährige. Ihre Freundin Julienne (15 Jahre) macht eine Videoaufnahme von der gelb-grünen Szenerie.

Die beiden Mädchen sind Teil des Workshops „Dein Lüdenscheid“, der in Zusammenarbeit zwischen den Streetworkern der Stadt Lüdenscheid und dem TUMO-Zentrum entstand. Die Teilnehmenden drehen in drei Gruppen einen Dokumentarfilm, mit ihrem ganz persönlichen Blick auf die Bergstadt. Für heute haben sie das Forum ins Auge gefasst. Dank Yves Thomé können sie das Gebäude abseits der Schaufensterfassaden kennenlernen: Der Graffitikünstler führt die Jugendlichen durch einen Hintereingang.

Die Kameras nehmen jede Absurdität auf

Mehmet (12 Jahre) hat die Kamera direkt im Anschlag. Er will keine Sekunde verpassen. Die Gruppe aus zwölf Jugendlichen geht durch ein enges, nach Keller riechendes Treppenhaus. An einem Absatz steht auf der Wand „Kunstausstellung“. Dahinter: Eine Welt der Graffiti, die Yves Thomé in den ehemaligen Räumen von Fitnesscenter, Diskothek und Elternvereinen geschaffen hat. Die Kameras nehmen alle Bilder, jeden Winkel und jede Absurdität auf. Denn neben ordentlich gestalteten Wänden, schält sich an anderen Stellen in großen Stücken der Putz von der Wand, liegen Teppichfetzen, baumeln Kabel von den Wänden und wölbt sich der PVC. 

Das passe irgendwie gut zu Lüdenscheid, meint Selma. „Manchmal macht es den Eindruck einer verlassenen Stadt.“ Das sehen auch die anderen Teilnehmer so. Ihnen fehlt es in Lüdenscheid an Orten speziell für Jugendliche. Sie haben eigene Ideen, wie die Neugestaltung der Forumfläche aussehen könnte. „Ein Park, in dem wir uns mit Freunden treffen können, wäre cool“, sagt Carla (13 Jahre). „Oder ein Lerncafé.“ 

Doch nicht alle Lüdenscheider teilen die Meinung der Jugendlichen. Für den Dokumentarfilm interviewen sie Passanten. „Die sagen oft, dass es für Jugendliche doch genug Plätze gebe. Aber wo denn?“, fragt Selma. Für klassische Spielplätze seien sie zu alt und um stundenlang zum Lernen in kommerziellen Cafés zu sitzen, fehle das Geld. „Orte, wie der Jugendtreff Knast sind mega weit weg“, sagt Ikram. Für sie ist die Busfahrt bis zum Buckesfeld nicht mal eben um die Ecke.
Auch Dmytro (18 Jahre) macht ähnliche Erfahrungen mit seiner Gruppe. „Ältere Menschen sagen oft, dass die Park- und Waldflächen in der Stadt attraktiv genug sind. Jüngere sagen, sie sind nicht ausreichend.“ Ein kleiner Lichtblick für alle, ist die Umgestaltung des Kulturhausgartens.

Yves Thomé führt die Gruppe weiter durch die verworrenen Gänge des Forums abseits der Fußgängerwege. Als sie schließlich im ehemaligen Wellenbad stehen, fassen sich einige der Mädchen ein Herz und interviewen auch ihn.

Muffiger Lost-Place-Geruch weicht warmer Frühlingsluft

„Für einige ist es nicht leicht, fremde Menschen anzusprechen“, erklärt Karsten Langwald. Der Streetworker begleitet die Gruppen mit seinem Kollegen Stefan Zorn. Manchmal sind sie Mutmacher, manchmal Ideengeber, manchmal „die coolen Typen“, wie eine Teilnehmerin sagt. Als sie den Workshop anboten, wussten die Streetworker noch nicht, mit welchen Themen die Jugendlichen sich befassen wollten. „Ich wusste gar nicht, dass die Jugendlichen das hier spannend finden“, sagt Karsten. „Aber muss ich ja auch nicht. Es sind ihre Themen.“

Einige Stunden später öffnet sich der unscheinbare Hintereingang am Forum wieder. Der muffige Lost-Place-Geruch weicht warmer Frühlingsluft. Mit Speicherkarten voll von „krassen“ Videos und Bildern zieht die Truppe wieder Richtung TUMO-Zentrum. Dort können sie mit Hilfe von Social-Media-Expertin Enia Meyer ihr Material schneiden und lernen, was es sonst noch braucht, um einen Film zu produzieren, der genau zu ihrer Idee passt.