Demenz kann Denken, Erinnern und Verhalten verändern – und betrifft dabei nicht nur die erkrankten Menschen selbst. In einer dreiteiligen Serie anlässlich der "Woche der Demenz" beleuchtet LokalDirekt die Erkrankung aus unterschiedlichen Perspektiven. Im zweiten Teil geht es darum, wie Architektur Menschen mit Demenz im Alltag Orientierung und ein Stück Selbstständigkeit ermöglichen kann.

„Demenz und Architektur müssen zueinander passen“, sagt Bernd Lauermann, Gründer und Leiter des Haus Waldfrieden, eines Pflegeheims für Menschen mit Demenz. Anlässlich der Woche der Demenz vom 21. bis 27. September hat LokalDirekt mit ihm über das besondere Wohnkonzept der Einrichtung gesprochen.

Das Haus Waldfrieden wurde 2004/2005 in Halver nach einem Modellversuch ausgerichtet und hat das dabei entwickelte Konzept bis ins kleinste Detail im Pflegeheim umgesetzt.

Architektur ermöglicht ein Stück Freiheit

Ein wichtiger Aspekt bei der Planung war die ebenerdige Erreichbarkeit aller Wohneinheiten. „Wenn Menschen, die an Demenz erkrankt sind, in einem mehrgeschossigen Haus untergebracht sind, ist das für sie wie ein Gefängnis“, erläutert Lauermann. „Denn auch wenn ein Fahrstuhl vorhanden ist, können sie diesen nicht bedienen. Sie wissen ja nicht, wo sie sind und wo sie hinwollen.“

Im Haus Waldfrieden sind deshalb alle Wohneinheiten und Zimmer ebenerdig erreichbar. Die Türen stehen jederzeit offen. So können sich die Bewohner innerhalb ihrer Gruppe, aber auch von einer Wohneinheit zur nächsten, selbstständig besuchen. „Ein Stück Freiheit, das nur eine solche Architektur ermöglicht“, ist sich Lauermann sicher.

Auch bettlägerige Bewohner können jederzeit in den Hof gefahren werden. Alle Türen sind breit genug, um auch Betten hindurchzuschieben. „Das ist für alle Motivation, dass mehr draußen stattfinden kann“, sagt Lauermann.

Bewegungsdrang ausleben

Menschen mit Demenz haben häufig einen starken Bewegungsdrang. Auch dafür ist das Haus Waldfrieden ausgelegt, Gebäude und Außenanlagen sind entsprechend „demenzgerecnt“ gestaltet. Zwischen den Einheiten und rund um die Häuser gibt es ausreichend Laufwege, die sich nicht wiederholen.

Die Wege führen unter anderem an Hühnern und Kaninchen vorbei, die die Bewohner beobachten und füttern können. „Das weckt bei vielen Bewohnern Erinnerungen und sie kommen darüber ins Erzählen. Auch die, die nicht mit Tieren aufgewachsen sind, lieben es, diese zu beobachten“, berichtet Lauermann.

Kleine Wohngruppen, vertraute Umgebung

Auch die Größe der Wohngruppen spielte bei der Planung eine wichtige Rolle. „Kleine Betreuungseinheiten mit neun Bewohnern sind nahezu perfekt“, ist Lauermann überzeugt. Zehn Bewohner wären für ihn bereits zu viel. Bei nur acht Zimmern wäre die Wirtschaftlichkeit dagegen kaum noch gewährleistet.

Auch bei der Einrichtung der Wohneinheiten machte sich Lauermann vor mehr als 20 Jahren viele Gedanken. Weil das Langzeitgedächtnis von Menschen mit Demenz häufig noch gut funktioniert, orientieren sich die Hausgemeinschaften am Alltag, den viele Bewohner aus ihrer Vergangenheit kennen. „Wir haben für jede Gruppe eine Wohnküche, so wie es früher üblich war“, erläutert er. „Hier wird so gelebt, wie die meisten Bewohner aufgewachsen sind. In diesem Hauptraum wird gespielt, geredet und manchmal kommt sogar der Friseur.“

Gekocht wird – sofern die Bewohner dies möchten und können – gemeinsam. „Aktionen, die man in einem Haus, in dem in einer Großküche das Essen für alle hergestellt wird und nur das fertige Ergebnis auf dem Teller liegt, gar nicht machen könnte.“

Vertraute Geräusche und volle Speisekammer

Selbst Details, die Besucher auf den ersten Blick kaum wahrnehmen, gehören zu diesem Wohnkonzept. Die Wohnküche ist beispielsweise durch eine Tür mit der Waschküche und der Speisekammer verbunden. Beide Türen stehen permanent offen. „So können die Bewohner das bekannte und für sie beruhigende Geräusch der laufenden Waschmaschine hören und sie sehen, dass die Speisekammer immer gut gefüllt ist. So kommt bei niemandem die Angst auf, dass das Essen knapp werden könnte“, erklärt Lauermann.

Die Wohnform habe aus seiner Sicht Vorteile für Bewohner und Personal. Die Mitarbeiter im Haus Waldfrieden kümmern sich jeweils um neun Personen und arbeiten in festen Teams. Auf 18 Bewohner in zwei Hausgemeinschaften kommen zwölf Mitarbeiter in Teilzeit sowie Nachtwachen. Diesen Personalschlüssel sieht der Einrichtungsleiter als einen Grund dafür, dass seine Beschäftigten oft viele Jahre und teilweise bis zur Rente in der Einrichtung arbeiten.

Bernd Lauermann erklärt das Wohnkonzept im Haus Waldfrieden.
Video: Gerdel

Ein Modell, das kaum Nachahmer fand

„Ich bin den Ratsmitgliedern in Halver, die 2002 entschieden haben, dass das Haus Waldfrieden so gebaut werden darf, wie es heute dasteht, sehr dankbar“, betont Lauermann. Damals habe er geglaubt, dass viele andere Träger nachziehen und das Modell mit seinen architektonischen Besonderheiten übernehmen würden. „Das ist leider nicht passiert“, bedauert er. „Pflegeheime werden weiterhin so gebaut, wie es für Senioren, die nicht an dieser Krankheit leiden, geeignet ist. Das ist dann wie in einem Hotel. Damit ist an Demenz Erkrankten aber nicht geholfen.“

Demenz wieder in den Fokus rücken

Von der Woche der Demenz erhofft sich Lauermann, dass das Thema wieder stärker in den Fokus rückt und Betroffene ermutigt werden, sich Unterstützung zu holen.

„Ich würde mir wünschen, dass auch die Angehörigen erkennen, dass es Grenzen gibt, einen Demenzkranken zu Hause zu betreuen. Niemand muss ein schlechtes Gewissen haben, wenn er nach einer passenden Unterbringung für den Partner oder die Eltern sucht“, betont er. Die Krankheit komme inzwischen so häufig vor, dass es fast schon normal sei, wenn ein Familienmitglied betroffen ist. Angehörige müssten erkennen, dass dies zum Lauf des Lebens gehöre – und auch die eigenen Grenzen akzeptieren.

Auch die finanzielle Frage beschäftigt Angehörige

Lauermann weiß, dass sich viele Angehörige Gedanken über die finanzielle Belastung einer Heimunterbringung machen. „Auch dafür gibt es Beratungsstellen, zum Beispiel beim Sozialamt, in der Pflegeberatung oder beim Rechtsanwalt“, sagt er. Das eigene Haus müsse nicht unbedingt verkauft werden, um eine Heimunterbringung finanziell abzudecken.

Gleichzeitig befürwortet Lauermann die geplante Heruntersetzung der Verdienstgrenze von Angehörigen. „Wenn ich 100.000 Euro verdiene, kann ich davon auch 300 Euro für die Mutter bezahlen. Es kann nicht sein, dass die Gesellschaft bezahlen muss und die Kinder das Haus erben. Damit ist unsere Gesellschaft überfordert.“

Bernd Lauermann freut sich, dass es in Halver ein Hausgemeinschaftskonzept speziell für demenziell erkrankte Menschen gibt.
Video: Gerdel

Lesen Sie dazu auch den ersten Teil der LokalDirekt-Serie:

Woche der Demenz - Teil 1: Eine Krankheit, die mehr ist als Vergesslichkeit