Galerist Detlev Kümmel besitzt eine Spürnase. Wenn er etwas Besonderes entdeckt hat, marschiert er gern zur Leiterin der Städtischen Galerie. „Ich hab da was gefunden“, sagt er dann zu Dr. Susanne Conzen. Aus dem Fünkchen, das er mal wieder erzeugt hatte, wurde Engagement und daraus die reizvolle Ausstellung „Ernst Geitlinger – Figur und Zeichen“.
Detlev Kümmel, auch bekannt aus der TV-Sendung „Bares für Rares“, hatte rund 50 Arbeiten aus dem Nachlass des Malers Ernst Geitlinger erworben und lieferte so den Impuls für die Ausstellung in der Städtischen Galerie, die bis zum 11. Oktober zu sehen sein wird.
„Ich habe gleich gemerkt, die haben da richtig Bock drauf“, sagte Detlev Kümmel bei der Ausstellungseröffnung am Freitag. Das ist der Ausstellung anzusehen. Sie ist keine reine Werkschau des 1972 gestorbenen Malers, der als einer der wichtigsten deutschen Vertreter der klassischen Moderne gilt. Im Dialog mit Werken aus der Sammlung der Städtischen Galerie und der Kunststiftung Lüdenscheid, die in der Tradition der Konkreten Kunst stehen, wird der individuelle künstlerische Weg Geitlingers deutlich. Zu sehen sind unter anderem Bilder von Heinrich Siepmann, der 1948 zu den Gründungsmitgliedern der Künstlergruppe „Junger Westen“ gehörte.
Die Fülle an Arbeiten, die im Rahmen der Ausstellung „Figur und Zeichen“ zu sehen sind, verdeutlicht die Entwicklung, die Ernst Geitlinger von einer immer weiter getriebenen Abstraktion figürlicher Themen zu immer gegenstandsloseren Arbeiten führte.
Von New York wieder nach Deutschland
Das Leben Ernst Geitlingers war nicht leicht. Der junge Mann wanderte 1913 im Alter von 18 Jahren mit seiner Familie nach New York aus. Er erhielt seine erste künstlerische Ausbildung an einer privaten Kunstschule. Zeitgleich arbeitete er als Bühnenbildner, Anstreicher und schleppte sogar Bahnschwellen. 1922 kehrte er nach Deutschland zurück und begann ein Studium an der Münchener Kunstakademie, das er zum Wintersemester 1930/31 beendete. In den folgenden Jahren zeigte sich in Geitlingers Werk zunehmend die Tendenz zu großflächigen Kompositionen bei gleichzeitiger Formvereinfachung. Den Nazis galten seine Bilder als entartet. Geitlinger zog sich in die innere Emigration zurück und entging im Zweiten Weltkrieg dem Dienst an der Front nur, weil er ein Übersetzerdiplom erwarb und als Dolmetscher in einem Lager für englische Kriegsgefangene arbeitete.
Nach 1945 tendierte Geitlingers Werk zunehmend zur Abstraktion, wobei die Gegenständlichkeit immer wieder Thema war. „Beeindruckend ist immer wieder seine starke Bildsprache“, sagte Dr. Susanne Conzen, die in das Leben und das Werk des Malers einführte.
Janosch war einer seiner Schüler
Bereits 1946 war Geitlinger Mitbegründer der Künstlervereinigung „Neue Gruppe“ in München und vertrat zwei Jahre später Deutschland auf der Biennale in Venedig. Von 1952 bis 1965 hatte er eine Professur für Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste München inne und wirkte hier als Identifikationsfigur für den experimentell-abstrakten Aufbruch nach 1945. Zu seinen Schülern zählen unter anderem Gerhard von Graevenitz, Janosch und Jan Voss. Er starb 1972 in Seeshaupt am Starnberger See.
Erst in den 1970er Jahren wurde Ernst Geitlingers Werk, das in der breiten Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten war, im Rahmen einer großen Retrospektive im Lenbachhaus präsentiert. 1983 folgte die Gründung der Ernst Geitlinger Gesellschaft. Weitere Werkschauen waren unter anderem 1989 in Ludwigshafen, 1991 in München und 1996 in Neu-Ulm zu sehen.
Bürgermeister Sebastian Wagemeyer bezeichnete in seinem Grußwort Geitlingers Biografie als „ein Leben voller Brüche“. Seine Kunst sei auch eine Antwort auf die Geschichte. Geitlingers Bilder, so der Bürgermeister, steckten voller Vertrauen und Hoffnung. „Da lohnt es sich, genauer hinzusehen.“









