Eigentlich wollen viele weg, weg von der Datensammelwut, von Plattformen, die der psychischen Gesundheit schaden oder sogar die Demokratie gefährden. Doch der Schritt fällt im Alltag schwer. Beim Wechsel können Denkanstöße helfen. Impulse lieferte das Lüdenscheider Bündnis für Demokratie beim ersten digitalen Unabhängigkeitstag (DI.DAY) in der Bergstadt.
Mehr als 40 Wechselwillige trafen sich am 1. März auf Einladung des Bündnisses für Demokratie im Begegnungscafé „Navi“. Eine erste Annäherung an das Thema lieferte ein Video von und mit Comedian Marc Uwe Kling, der durch die „Känguru-Chroniken“ bekannt geworden ist. Er hat zusammen mit dem Chaos Computer Club (CCC) die DI.DAY-Bewegung gegründet. Der CCC ist die größte Hackervereinigung Europas und seit über vierzig Jahren Vermittler im Spannungsfeld technischer und sozialer Entwicklungen.
"Wir müssen uns trennen", sagt das Känguru im Video und Kling fürchtet schon um den Freund fürs Leben. Gemeint ist allerdings der Abschied von Google, Facebook, WhatsApp und anderen Datenkraken.
Statt gegenüber der Übermacht großer US-Plattformen in Resignation zu verfallen, setzen die DI.DAY-Initiatoren auf einen konstruktiven Gegenentwurf. Das Ziel ist kein radikaler Totalverzicht von heute auf morgen, sondern ein regelmäßiges Ritual: Am ersten Sonntag eines jeden Monats sollen Nutzer gemeinsam einen konkreten Schritt weg von kommerziellen Datensammlern und hin zu datenschutzfreundlichen Alternativen machen. Diesen Schritt ist das Bündnis für Demokratie am 1. März gegangen. "Weitere Veranstaltungen werden folgen", kündigte Stefan Hesse vom Bündnis an.
Wie extrem abhängig Menschen von digitalen Zahlungsmitteln sind, verdeutlichte Stefan Hesse an einem Beispiel. So setzte US-Präsident Donald Trump den französischen Richter Nicolas Guillou gemeinsam mit zehn weiteren Mitarbeitern des Internationalen Strafgerichtshofs auf eine Sanktionsliste, die ursprünglich für Terroristen und Menschenrechtsverbrecher gedacht war.
Guillous Leben in Europa geriet aus den Fugen. Weil die EU kein eigenes digitales Zahlungsmittel hat, sind Europäer auf US-amerikanische Unternehmen wie Visa, Mastercard und Paypal angewiesen. Diese dürfen Guillou wegen Trumps Sanktionen aber keine Dienste mehr anbieten. Guillou konnte seine Visa-Card nicht mehr benutzen. Weitere Benutzerkonten anderer digitaler Dienste wurden geschlossen.
Wero mit geringem Marktanteil
Dass die Suche nach Alternativen nicht leicht ist, erläuterte Thomas Kruber. Zwar gebe es mit WERO eine neue europäische Echtzeit-Bezahllösung, die Geldtransfers in Sekunden direkt von Girokonto zu Girokonto ermöglicht. Sie diene als Konkurrenz zu PayPal. Leider verfüge sie nur über einen minimalen Marktanteil und werde daher kaum genutzt, erklärte der Mitarbeiter der Volksbank in Südwestfalen.
Auch andere Alternativen haben es nicht leicht. Darüber sprachen Gäste der Veranstaltung aus eigener Erfahrung. Sie nutzen inzwischen alternative Messenger-Dienste, weil sie sich von WhatsApp verabschieden wollen. Der Kern des Problems ist oft nicht die Technik, sondern die Trägheit der Masse. Ein Dienst funktioniert sozial meist nur dann gut, wenn auch Freunde und Familie dort erreichbar sind. Deshalb nutzen einige beispielsweise Signal und WhatsApp noch parallel. Genau da setzt die DI.DAY-Initiative an. Wenn viele Menschen gleichzeitig wechseln, sinkt die Hürde für den Einzelnen. Statt alleine auf einer leeren Plattform zu stranden, zieht man gemeinsam mit anderen um.
Praktische Unterstützung beim Umzug
Vor Ort boten Fachleute im „Navi“ Unterstützung beim Umzug an. Auf den Tischen lagen zudem QR-Codes mit Wechselrezepten aus. "Man sollte Schritt für Schritt an die Sache herangehen", empfiehlt Stefan Hesse. Was sich erreichen lässt, wenn der Wechsel ernsthaft betrieben wird, zeigt das Beispiel von Thomas Wewers. Der Leiter der Integrativen Kulturwerkstatt Alte Schule nutzt inzwischen Ecosia statt Google. Ecosia ist ein gemeinnütziges Unternehmen. Es bietet eine nachhaltigere Alternative mit transparentem Geschäftsmodell und Datenschutz, arbeitet klimaschonend und steckt einen Teil seiner Gewinne in Baumpflanzprojekte. Das vermittelt vielen Nutzern ein gutes Gefühl. Und nicht nur das: Seit Thomas Wewers mit dieser Suchmaschine arbeitet, wurden durch seinen Einsatz schon 285 Bäume gepflanzt.









