Draußen wird es langsam kühler, die Tage werden kürzer – und plötzlich ist wieder genau die richtige Zeit, um es sich mit einem guten Buch gemütlich zu machen. Ob auf dem Sofa, mit einer Decke im Lieblingssessel oder eingekuschelt im Bett: Der Herbst liefert schließlich die perfekte Ausrede, ein paar Stunden zwischen Buchseiten zu verschwinden.
Bei der Fülle an Büchern fällt die Wahl nicht immer leicht. Wer könnte da bessere Tipps geben, als jemand, der täglich von Geschichten, Romanen und Neuerscheinungen umgeben ist? Carina Struck, Leiterin der Stadtbibliothek Kierspe, kennt nicht nur die Lieblingsbücher ihrer Leser, sondern verrät auch, welche Geschichten es auf ihren eigenen SuB (Stapel ungelesener Bücher) schaffen.
Bücher, Bücher, Bücher – und trotzdem keine Zeit zum Lesen
Bibliothekare haben schließlich den ganzen Tag Bücher vor der Nase. Da liegt die Vermutung nahe, dass nach Feierabend noch gemütlich der nächste Bestseller aufgeschlagen wird. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. „Wir bekommen jede Woche neue Bücher, aber es sind immer so viele und so wenig Zeit“, erzählt Struck. Gerade die neuesten Titel schafft sie deshalb nicht immer zu lesen.
„Man hat auch sehr viel im Hintergrund zu tun. Bei uns finden ja auch einige Veranstaltungen statt, die organisiert werden müssen“, erklärt die Bibliotheksleiterin. Dazu gehören unter anderem der Sommerleseclub, Figurentheater für Kinder und Naturkosmetik-Workshops. Auch beim Stadtfest am 12. und 13. September war die Bibliothek vertreten.
Staubige Regale und leises Blättern? Von wegen!
Die Stadtbibliothek soll dabei längst mehr sein als ein Ort, an dem Bücher ordentlich nebeneinander im Regal stehen. „Es soll eine Art Wohnzimmer der Stadt sein“, sagt Struck. Während die Bibliothek früher vor allem als Informationsort wahrgenommen wurde, entwickelt sie sich zunehmend zu einem Treffpunkt für verschiedene Altersgruppen und die gesamte Stadtgesellschaft.
Doch bevor ein neues Buch überhaupt in den Händen der Leser landen kann, muss es erst einmal durch die Bibliotheksbürokratie: „Die Sachen müssen alle erfasst, katalogisiert, eingebunden und in die Regale gestellt werden.“ Wer trotzdem möglichst schnell in eine Geschichte eintauchen möchte, kann deshalb auch auf die Onleihe ausweichen. Struck selbst hört gerne Hörbücher – schließlich kann man dabei auch lesen, ohne ein Buch in der Hand zu halten. Praktisch, wenn gerade alle Hände voll zu tun sind.
Tipp Nummer eins: „Für Polina“ von Takis Würger
Eines von Strucks persönlichen Lieblingsbüchern ist „Für Polina“ von Takis Würger. Der Roman erzählt die Geschichte von Hannes Prager, der mit seiner Mutter in einer zerfallenen Villa im Moor aufwächst. Mit 14 Jahren verliebt sich Hannes in Polina. Um ihr seine Liebe zu zeigen, komponiert der musikalisch begabte Junge eine Melodie, die all ihre Sehnsüchte und Wünsche einfangen soll.
Doch das Leben macht, was es eben manchmal macht: Es kommt anders als geplant. Hannes hört auf, Klavier zu spielen, und die Wege der beiden trennen sich. Jahre später erkennt Hannes, dass er Polina wiederfinden muss. Seine einzige Verbindung zu ihr ist die Melodie.
Besonders angetan hat Struck dabei nicht nur die Geschichte, sondern vor allem die Sprache. „Es gibt vielleicht auch Leute, die es kitschig finden, aber ich fand es total poetisch“, sagt sie. Die Sprache sei leicht und einfach, habe aber gleichzeitig etwas Märchenhaftes. „Es fühlt sich an wie ein Sommerflimmern – man wird durch den Roman getragen.“ Wer jetzt allerdings eine reine Liebesgeschichte erwartet, liegt daneben. Neben der Beziehung zwischen Hannes und Polina geht es auch um Freundschaft, Familie und die Suche nach dem eigenen Weg.
Was lesen die Kiersper eigentlich?
Bei so vielen unterschiedlichen Büchern stellt sich natürlich die Frage: Gibt es in Kierspe eigentlich einen klaren Favoriten? Durchaus. „Krimis sind hier auch total beliebt. Auch Thriller, aber ich würde fast sagen die Krimis noch ein bisschen mehr“, sagt Struck. Doch auch Romane und Erzählungen kommen gut an. Sachbücher stehen dagegen etwas weniger hoch im Kurs – dafür ist der Kinder- und Jugendbereich umso beliebter.
Beim Leseverhalten lässt sich außerdem ein interessantes Muster beobachten: Während Kinder und Jugendliche noch fleißig lesen, bekommt die Lesekurve mit dem Eintritt ins Berufsleben zunächst einen Knick. Dann kommen Ausbildung, Arbeit und irgendwann vielleicht auch die eigene Familie dazwischen. Mit den Kindern kehren viele Eltern wieder in die Bibliothek zurück – allerdings nicht unbedingt mit einem eigenen Buch unter dem Arm.
Fotogalerie
„Sie kommen vielleicht mit ihren Kindern hierhin, kommen aber selbst nicht zum Lesen“, beobachtet Struck. Später ändert sich das wieder: „Ab 50 geht es dann bei uns wieder los.“ Vielleicht braucht man für manche Bücher also einfach das richtige Alter – oder endlich wieder etwas mehr Zeit.
Tipp Nummer zwei: „Der Markisen-Mann“ von Jan Weiler
Auch ein Coming-of-Age-Roman hat es Struck angetan: „Der Markisen-Mann“ von Jan Weiler. Im Mittelpunkt steht die 15-jährige Kim aus Köln. Sie wächst in einer wohlhabenden Familie auf, fühlt sich dort allerdings eher als Außenseiterin. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Dann wird sie von ihrer Mutter über die Sommerferien zu ihm geschickt.
Ihr erster Eindruck von ihrem Vater könnte dabei besser ausfallen: Der fremde Mann ist nicht nur ziemlich eigen, sondern arbeitet auch noch als erfolgloser Markisenvertreter. Als Kim ihm dabei hilft, seine Markisen im Haustürgeschäft an den Mann zu bringen, kommen sich Vater und Tochter langsam näher.
„Es ist leicht und warmherzig geschrieben“, findet Struck. Besonders gefallen ihr die menschlichen Eigenheiten der Figuren: „Die Geschichte wird mit jeder Seite immer emotionaler.“ Und auch der Ruhrpott-Charme kommt bei ihr gut an. „Da ist kein Kitsch drin und trotzdem catcht es einen.“
Wie entscheidet die Bibliothek, welche Bücher ins Regal kommen?
Doch wie schaffen es solche Bücher eigentlich in die Stadtbibliothek? Einfach jedes Buch zu kaufen, das interessant klingt, funktioniert schon aus Platzgründen nicht. „Wir schauen natürlich auch immer auf die Spiegel-Bestsellerlisten, damit wir diese Bücher immer dahaben“, erklärt Struck. Gleichzeitig kennt das Bibliotheksteam seine Leser und weiß, welche Themen und Autoren besonders gefragt sind.
Doch Platz ist endlich – auch in einer Bibliothek. Deshalb wird regelmäßig aussortiert. „Wir schauen jedes Jahr, welche Bücher gehen können. Wir schauen auf das Alter, wie lange sie schon bei uns stehen und wie lange sie schon nicht mehr ausgeliehen wurden.“ Dabei versucht die Bibliothek, ungefähr so viele Bücher abzugeben, wie neue hinzukommen. Denn selbst die schönste Bibliothek kann irgendwann nicht mehr wachsen, wenn die Regale bereits voll sind.
Fotogalerie
Tipp Nummer drei: „Ist es noch weit? Wie Tiere auf Wanderschaft gehen“ von Verena Linde und Anka Schwelgin
Zum Schluss wird es noch einmal tierisch. Strucks dritte Empfehlung richtet sich vor allem an Kinder: „Ist es noch weit? Wie Tiere auf Wanderschaft gehen“ von Verena Linde und Anka Schwelgin. Das Besondere: Das Buch verbindet Geschichten mit Sachwissen.
Erdkröte, Ameise, Gnu, Unechte Karettschildkröte und Mehlschwalbe nehmen die Leser mit auf ganz unterschiedliche Reisen. Die Erdkröte legt dabei vergleichsweise bescheidene 1000 Meter zurück. Bei der Mehlschwalbe sieht das schon ganz anders aus: Sie schafft sagenhafte 5000 Kilometer. Dazwischen liegen zahlreiche weitere tierische Wanderungen. Erzählt werden die Reisen in spannenden und humorvollen Vorlesegeschichten.
Fotogalerie
„Die Geschichten sind emotional, aber die Kinder lernen auch gleichzeitig etwas über die Tiere“, sagt Struck. Das Buch hat sie selbst auch mit ihren Kindern gelesen. Besonders passend findet sie es jetzt im Herbst: „Da gibt es auch die Geschichte mit Mello, der Mehlschwalbe, und jetzt im September geht es passend dazu auch wieder mit den Zugvögeln los.“
Ob Krimi, Liebesgeschichte, Coming-of-Age oder tierische Weltreise – langweilig wird es in der Stadtbibliothek Kierspe jedenfalls nicht. Und vielleicht findet sich zwischen all den Büchern ja auch genau die Geschichte, die den eigenen Herbst ein kleines bisschen gemütlicher macht.









