Demenz kann Denken, Erinnern und Verhalten verändern – und betrifft dabei nicht nur die erkrankten Menschen selbst. In einer dreiteiligen Serie anlässlich der "Woche der Demenz" beleuchtet LokalDirekt die Erkrankung aus unterschiedlichen Perspektiven. Zum Auftakt geht es um die grundlegende Frage: Was ist Demenz eigentlich?
Wenn Vergessen zum Alltag wird
Immer öfter vergisst der Partner oder ein Elternteil etwas. Die Namen guter Freunde sind nicht mehr parat, der Schlüssel wird verlegt und irgendwann weiß der Betroffene vielleicht sogar nicht mehr, dass er Kinder hat. Hinzu kommen bei einem Menschen, der früher ausgeglichen und offen war, plötzlich Wutausbrüche, melancholische Phasen oder ein zunehmender Rückzug. Spätestens dann sollte der Weg zum Arzt führen, um abzuklären, ob eine Demenz vorliegt – oder um sie im besten Fall auszuschließen.
Nur ein Fehlen des Verstandes?
Doch was bedeutet eigentlich Demenz, von der in Deutschland mehr als eine Million Menschen betroffen sind? Übersetzt bedeutet der Begriff aus dem Lateinischen schlicht „Fehlen des Verstandes“. Dieser Ausdruck wird der Erkrankung allerdings nicht gerecht, wie die Deutsche Alzheimer Gesellschaft betont.
Demenz und Alzheimer würden häufig gleichgesetzt. Medizinisch handle es sich jedoch nicht um dasselbe. Demenz bezeichne einen andauernden oder fortschreitenden Zustand, bei dem das Gedächtnis, das Denken oder andere geistige Fähigkeiten beeinträchtigt sind. Häufig verändern sich auch Verhalten und Antrieb.
Damit beschreibe „Demenz“ ein bestimmtes Muster von Symptomen, aber keine einzelne Krankheit. Alzheimer wiederum sei eine konkrete Erkrankung und zugleich die häufigste Ursache einer Demenz, so die Deutsche Alzheimer Gesellschaft.
Alzheimer als häufigste Form
Die Alzheimer-Krankheit macht etwa 60 bis 70 Prozent der Demenzerkrankungen aus. Bei ihr handelt es sich um eine hirnorganische Erkrankung, die zum Abbau der Nervenzellen im Gehirn führt. Die Folge sind zunehmende Einschränkungen der geistigen Fähigkeiten.
Benannt ist die Erkrankung nach dem deutschen Neurologen Alois Alzheimer (1864–1915), der sie 1906 erstmals wissenschaftlich beschrieb. Daneben gibt es weitere Formen, etwa die vaskuläre Demenz, das Korsakow-Syndrom oder die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit.
Auch wenn das Alter der größte Risikofaktor für die Entwicklung einer Alzheimer-Krankheit ist, kann Demenz auch jüngere Menschen treffen. Bernd Lauermann, Leiter und Gründer des Hauses Waldfrieden, erlebt dies in seinem täglichen Umgang mit demenziell Erkrankten. „Demenz kann durchaus auch Menschen in jungen Jahren betreffen. Eine Demenz mit 50 Jahren ist möglich, aber die meisten Erkrankten sind wesentlich älter. Dabei sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen“, sagt Lauermann.
Nach seiner Erfahrung fallen die Einschränkungen bei Männern häufig früher auf. „Die Frauen können länger zu Hause bleiben, weil sie sich besser selbst versorgen können“, erklärt er.
Jahre bis zur Diagnose
Bis eine Demenz diagnostiziert wird, können Monate oder sogar Jahre vergehen. Nicht jede Vergesslichkeit deute allerdings auf eine Erkrankung hin, erklärt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Wer gelegentlich den Schlüssel verlege, einen Termin vergesse oder sich nicht an den Namen eines Bekannten erinnere, müsse sich deshalb noch keine Sorgen machen. Anders sehe es aus, wenn Gedächtnis, Konzentration oder Orientierung über längere Zeit deutlich nachlassen. „Auch bei stärkeren Schwankungen der Stimmungslage und geistigen Fähigkeiten ist es gut, einen Arzt zu kontaktieren.“
Mit verschiedenen Untersuchungen lässt sich klären, ob tatsächlich eine Demenz vorliegt und welche Ursache dahintersteckt. Bei Alzheimer beispielsweise lassen sich im Gehirn typische Eiweißablagerungen nachweisen.
Aggressionen können Ausdruck von Angst sein
Im weiteren Verlauf verändert sich die Erkrankung häufig auch auf der Verhaltensebene. „Demenz wirkt sich auf das Wesen aus. Deutliche Verhaltensänderungen in Richtung Aggressivität oder auch Lethargie sind häufig der Fall“, beschreibt Lauermann seine Erfahrungen.
Aggressionen könnten dabei eine Reaktion auf Hilflosigkeit und Angst sein: Wenn das Sprechen zunehmend schwerfällt, können Betroffene ihre Gedanken und Bedürfnisse nicht mehr so ausdrücken, wie sie es möchten — die daraus entstehende Verzweiflung könne sich in Wut äußern.
Der Leiter des Hauses Waldfrieden beschreibt auch eine weitere Auswirkung der Krankheit. Während sich Betroffene häufig noch detailliert an Ereignisse aus ihrer Kindheit erinnern, können sie selbst Familienmitglieder irgendwann nicht mehr erkennen: „Das bedeutet eine große Belastung speziell für Angehörige“, sagt Lauermann.
In der Realität des Erkrankten bleiben
Ehepartner, Kinder und andere Familienmitglieder ergibt sich daraus eine schwierige — und auch emotional belastende — Situation, wenn sie anerkennen müssen, dass bei den Erkrankten das Realitätsdenken nicht mehr vorhanden ist. Was für die Familie offensichtlich nicht stimmt, kann für den Betroffenen aber dennoch vollkommen real sein. „Da ist es dann besser, die Rolle, die einem der Erkrankte zuteilt, anzunehmen“, rät Lauermann. „Denn das ist seine Realität und darin fühlt er sich wohl.“
Der Verlauf einer Demenz kann sich über Jahre hinziehen. Sie kommt in Schüben und schreitet Stück für Stück voran. Eine Heilung oder ein Schutz vor einer Erkrankung ist aktuell nicht möglich. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft zählt jedoch Faktoren auf, die das Risiko einer Erkrankung verringern können. Dazu gehören unter anderem geistige, körperliche und soziale Aktivität, eine ausgewogene Ernährung und die Behandlung von Bluthochdruck.
Hilfe nicht erst im Krisenfall suchen
Solange die Krankheit nicht diagnostiziert ist, fällt es Angehörigen und Freunden schwer zu verstehen, warum der Betroffene in ihren Augen unverhältnismäßig agiert. „Irgendwann kommt aber der Verdacht auf, dass es sich um Demenz handeln könnte, und spätestens dann sollte ein Arzt aufgesucht werden“, rät Bernd Lauermann.
Eine Beratung wird in seinen Augen viel zu selten in Anspruch genommen: "Oft geschieht dies erst, wenn bereits viel Porzellan zerschlagen ist.“ Dabei wäre es für alle Beteiligten hilfreich, sich von einer Pflegeberatung beraten zu lassen, wie man mit den fortschreitenden Veränderungen des Erkrankten umgehen kann.
Angehörige brauchen Unterstützung
Gerade für Familien kann die Betreuung eines demenzkranken Menschen zu einer großen Belastung werden. Lauermann plädiert deshalb dafür, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen: „Angehörige dürfen und müssen auch erkennen, dass es Grenzen gibt, einen Demenzerkrankten die ganze Zeit zu Hause zu betreuen“, sagt er. Niemand müsse ein schlechtes Gewissen haben, wenn die Versorgung irgendwann in einer Pflegeeinrichtung besser möglich sei.
Von der Woche der Demenz erhofft sich Lauermann, dass die Erkrankung stärker in den Mittelpunkt rückt – und Betroffene wie Angehörige früher den Mut finden, Unterstützung anzunehmen.
Die beiden weiteren Teile der LokalDirekt-Reihe zur "Woche der Demenz" widmen sich der Betreuung demeziell erkrankter Menschen sowie der Frage, wie Angehörige und Freunde mit der Erkrankung umgehen. Sie erscheinen am Mittwoch, 23. September, und Freitag, 25. September.










