Mathematik, Deutschanalysen und Co. waren am Mittwochmorgen, 23. September, ausnahmsweise nebensächlich. Denn Rainer Hoffmann war im Rahmen der Aktion „Meet a Jew" zu Gast an der Humboldtschule. Die Schüler konnten dem 80-Jährigen Fragen stellen und dabei mehr über sein Leben und das Judentum erfahren: „Ganz locker, ohne Unterricht und ohne Noten“, lautete die Ansage von Klassenlehrer Constantin Pantel.

Persönliche Einblicke in jüdisches Leben

„Wann wurdest du beschnitten?" oder „Hattest du in deiner Kindheit oft Probleme?" – die Neuntklässler scheuten sich nicht, Rainer Hoffmann auch sehr persönliche Fragen zu stellen. Und dieser hatte ebenso wenig Scheu, darauf zu antworten. Tabu-Themen gab es für den 80-Jährigen nicht.

1946 geboren, wuchs Hoffmann in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf – in einer Zeit, in der nach dem Holocaust nur noch wenige Juden in Deutschland lebten. Er erzählte von seiner Kindheit zwischen den Trümmern und davon, wie er später sowohl den Mauerbau als auch den Mauerfall unmittelbar miterlebte.

In offener und entspannter Atmosphäre kamen die Humboldtschüler mit Rainer Hoffmann ins Gespräch und stellten ihm Fragen zu seinem Leben und zum Judentum.
Foto: Jung

Heute lebt Hoffmann am Niederrhein. „Eine Insel der Glückseligen“, wie er seine Heimat mit einem Augenzwinkern beschreibt. Angst, offen als Jude aufzutreten, habe er dort nicht. Je nach Ort könne das allerdings anders aussehen. In Berlin oder insbesondere in Neukölln würde er sich beispielsweise mehr Gedanken machen.

„16 Millionen Juden leben 16 Millionen unterschiedliche Formen des Judentums"

Viele Fragen der Schüler drehten sich insbesondere um den jüdischen Alltag. Warum trägt Hoffmann eine Kippa und welche Bedeutung hat sie? Gibt es feste Gebetszeiten? Welche Feiertage werden gefeiert? Und welche Regeln gelten beim Essen? Geduldig beantwortete der 80-Jährige die Fragen und erklärte unter anderem, dass Milch und Fleisch nach den jüdischen Speiseregeln nicht gemeinsam verzehrt werden. Auch über Feiertage wie den Versöhnungstag und das Laubhüttenfest sprach er mit den Jugendlichen.

Dabei wurde auch deutlich, wie unterschiedlich jüdisches Leben sein kann. Jeder lebe seinen Glauben auf seine eigene Weise: „16 Millionen Juden leben weltweit 16 Millionen unterschiedliche Formen des Judentums“, erklärte Hoffmann.

Über „Meet a Jew"

Zum fünften Mal fand die Veranstaltung „Meet a Jew" an der Halveraner Humboldtschule statt. Bundesweit hat die Aktion bereits zahlreiche Begegnungen zwischen Juden und jungen Menschen ermöglicht. Im Mittelpunkt steht der persönliche Austausch: Die ehrenamtlichen Teilnehmer erzählen aus ihrem Alltag und beantworten Fragen rund um jüdisches Leben in Deutschland. So soll die Begegnung dazu beitragen, Berührungsängste abzubauen und Vorurteile gar nicht erst entstehen zu lassen.

„Meet a Jew" gibt es seit 2020. Das Projekt bringt jüdische Menschen unter anderem mit Schülern, Studierenden und Vereinen ins Gespräch. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist Schirmherr des Projekts. Damit unterstützt er die Sichtbarmachung des aktuellen jüdischen Lebens und die Prävention von Antisemitismus: „Es ist eine Idee, die mich überzeugt. Eine ebenso schöne wie einfache Weise, dem eigenen Glauben ein Gesicht zu geben, auf Andersgläubige zuzugehen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Aufeinander zugehen – ich glaube, viele in unserem Land, Juden und Nichtjuden, haben diesen Wunsch", betont der Bundespräsident.

Mehr Informationen über das Projekt gibt's hier.