Sommerzeit ist Lesezeit – ob im Garten, auf dem Balkon, im Freibad oder ganz gemütlich auf der heimischen Couch. Doch welches Buch darf in diesem Sommerurlaub auf keinen Fall fehlen? Und wer könnte bessere Tipps geben, als jemand, der täglich von Büchern umgeben ist?

Buchhändler haben den ganzen Tag mit Geschichten, Neuerscheinungen und Bestsellern zu tun. Aber bedeutet das auch, dass sie nach Feierabend noch stundenlang schmökern? Und welche Bücher schaffen es eigentlich auf den ganz persönlichen Lesestapel? Michaele vom Brocke, Inhaberin von Konrad Kösters Bücherkiste in Halver, gibt einen Einblick in ihren Lesealltag und verrät gleich mehrere persönliche Büchertipps.

Lesen Buchhändler wirklich den ganzen Tag?

Die Vorstellung klingt eigentlich ganz gemütlich: Den ganzen Arbeitstag zwischen Büchern verbringen, nebenbei immer wieder ein paar Seiten lesen und nach Arbeitsende direkt zu Hause im eigenen Bücherregal weitermachen. Die Realität sieht allerdings etwas anders aus.

„Buchhändler haben einen Arbeitstag von neun bis 18 Uhr, machen oft abends noch Buchhaltung oder Bestellungen. Dass Buchhändler viel lesen, ist, glaube ich, ein Trugschluss, denn man hat fast gar keine Zeit, Bücher komplett zu lesen“, erklärt vom Brocke.

Ganz ohne Lesen geht es natürlich trotzdem nicht. Viele Bücher werden zumindest angelesen, damit die Buchhändlerin weiß, worum es geht und welche Titel den Kunden empfohlen werden können. Für Michaela vom Brocke ist Lesen aber ohnehin mehr als nur ein Teil ihres Berufs. „Ich habe auch früher immer schon viel gelesen und ich lese auch abends noch viel, aber man hat einfach nicht mehr die Zeit. Man ist abends ja auch müde.“

Gerade im Sommer ist die Buchhandlung zudem besonders mit Schulbüchern beschäftigt. Etwas mehr Zeit zum Schmökern bleibt deshalb eher im Winter. „Aber dass ein Buchhändler wirklich viel Zeit dafür hat, glaube ich nicht“, sagt sie lachend.

Tipp Nummer eins: „Und Hedi springt“ – eine Familiengeschichte von Tom Saller

Einer ihrer persönlichen Geheimtipps ist „Und Hedi springt“ von Tom Saller. Besonders spannend findet vom Brocke, dass die Geschichte einen regionalen Bezug hat und teilweise autobiografisch geprägt ist. Im Mittelpunkt steht Hedi, die nach dem Zweiten Weltkrieg über Dänemark nach Wipperfürth kommt. Schwanger und alleinerziehend muss sie sich in der schwierigen Nachkriegszeit ein neues Leben aufbauen. Im Hungerwinter 1946/47 begegnet sie dem späteren „Hosenkönig“ Alfons Müller-Wipperfürth. Die Welt des Unternehmers dreht sich um Stoffe, Schnittmuster und Nähmaschinen. Hedi wird schließlich zu seiner persönlichen Assistentin.

Einer ihrer persönlichen Geheimtipps ist „Und Hedi springt“ von Tom Saller.
Foto: Amaris Seegmüller

„Es geht um das Nicht-Aufgeben und das Wirtschaftswunder nach dem Krieg“, erläutert vom Brocke.  Als alleinerziehende Mutter kämpft Heidi gegen Vorurteile und Misstrauen. Aber ihre beharrliche Suche nach Freundschaft und Liebe wird belohnt – bis vollkommen unerwartet der Vater ihres Kindes vor der Tür steht. „Sie ist in die Firma eingestiegen und konnte trotz Kind Karriere machen und Fuß fassen und das hat mich wirklich fasziniert“, erzählt die Buchhändlerin. „Auch den Vorgänger davon kann ich empfehlen. Den werde ich als nächstes lesen“, sagt sie. Dieser heißt „Wenn Marta tanzt“.

Wenn die Arbeit den eigenen Büchergeschmack erweitert

Eigentlich ist Michaela vom Brocke überzeugte Krimileserin. Durch ihren Beruf hat sich ihr Lesegeschmack allerdings ordentlich erweitert. „Ich bin schon immer ein Krimileser gewesen, zwischendurch auch mal Familiengeschichten. Historische Romane habe ich eigentlich nie gelesen, aber wenn man jetzt viel mit diesen Büchern zu tun hat und sie auch empfohlen bekommt, erweitert das natürlich total den Horizont.“

Tipp Nummer zwei: „Filmriss auf dem Immenhof“ – ein Krimi mit Humor von Karsten Dusse

Bei den Lieblingsautoren wird es dann doch wieder etwas „krimineller“. „Eigentlich habe ich keine bestimmten Autoren, die ich immer kaufe“, erklärt vom Brocke. „Von Karsten Dusse habe ich allerdings so gut wie alle Bücher gelesen.“

Besonders angetan hat es ihr sein neues Buch „Filmriss auf dem Immenhof“. Der Titel dürfte bei einigen direkt eine Kindheitserinnerung auslösen, schließlich ist der Immenhof mit seinen Filmen für Generationen ein Begriff. „Es geht um Mord, aber trotzdem muss man ständig lachen, weil es so skurril und lustig ist“, beschreibt die Buchhändlerin den Krimi.

„Das hätte ich mir früher nie angeguckt“, gibt sie zu.
Foto: Amaris Seegmüller

Tipp Nummer drei: „Yester Year“ – ein Roman von Caro Claire Burke

Mit „Yester Year“ von Caro Claire Burke landet schließlich ein Buch auf der Empfehlungsliste, das vom Brocke früher wahrscheinlich nicht unbedingt aus dem Regal gezogen hätte. „Das hätte ich mir früher nie angeguckt“, gibt sie zu.

Im Mittelpunkt steht die Influencerin Natalie, die scheinbar das perfekte Leben führt: fünf Kinder, eine Farm, ein Produktionsteam und mehrere Nannys. Skandale werden geschickt unter den Teppich gekehrt. „Eigentlich ist es die perfekte Welt, aber dann kippt das Ganze“, erklärt vom Brocke.

Eines Tages muss sich Natalie eine unangenehme Frage stellen: Was wäre, wenn all die helfenden Hände plötzlich wegfallen? Was wenn sie auf einmal das Leben führen müsste, das sie immer vorgetäuscht hat? „Das Buch habe ich angefangen und werde es auch noch zu Ende lesen. Das hätte ich früher nie getan“, sagt vom Brocke.

Beim Stöbern in den Regalen spielt für vom Brocke übrigens auch die Optik eine Rolle.
Foto: Amaris Seegmüller

Erst das Cover, dann der Klappentext

Beim Stöbern in den Regalen spielt für vom Brocke übrigens auch die Optik eine Rolle. „Ich bin ein totaler Cover-Mensch“, gibt sie zu. Ein schönes Cover weckt zunächst die Aufmerksamkeit, danach geht’s an den Klappentext – oder auch mal direkt ins Internet. Allerdings kann der erste Eindruck durchaus täuschen. „Manchmal ist man dann enttäuscht, weil das Cover super ist, aber die Geschichte dahinter eher nicht so.“

Bei der Auswahl des Sortiments in der Buchhandlung wird natürlich nicht nur nach dem persönlichen Geschmack entschieden. Bestsellerlisten spielen eine wichtige Rolle, ebenso Neuerscheinungen und Empfehlungen von Verlagen. Und auch Instagram sorgt regelmäßig für Neuentdeckungen.

„Da wurde mir zum Beispiel auch das Buch ‚Die Villa‘ vorgeschlagen. So etwas haben wir noch gar nicht hier gehabt.“ Der Horror-Roman von Markus Heitz erzählt von Doreen und ihrer Tochter Marina Markert, die nach einer Zwangsversteigerung in eine alte Villa ziehen. Die Geschäfte der Mutter laufen gut – doch offenbar hat der neue Lebensabschnitt seinen Preis. Als Doreen erkennt, auf welchen Pakt sie und ihre Tochter sich eingelassen haben, könnte es bereits zu spät sein.

Bei den Halveranern gibt es durchaus klare Favoriten.
Foto: Amaris Seegmüller

Was lesen die Halveraner eigentlich gerne?

Bei den Halveranern gibt es durchaus klare Favoriten. „Bücher von den namenhaften Autoren, wie Sebastian Fitzek oder Klaus-Peter Wolf sollte man eigentlich immer dahaben“, sagt die Buchhändlerin. Besonders auffällig: Halver ist offenbar ein ziemlich krimifreundliches Pflaster. „Es sind viele Krimis, die an der Nord- und Ostsee spielen. Was auch immer geht, sind die Bücher von Freida McFadden.“

Auch vom Brocke hat bereits einige Bücher der Autorin gelesen. Angefangen hat sie mit der Reihe „Wenn sie wüsste“. „Da dachte ich erst: Was ist das denn für ein Kram? Aber alle haben mir gesagt, ich solle es lesen. Die Geschichte spielt in einer typisch amerikanischen Wohngegend. Die Protagonistin Millie wird als Haushaltshilfe von Nina in Long Island angestellt. Doh kaum ist sie eingezogen, zeigt ihre Arbeitgeberin eine ganz andere Seite. Es folgen Anschuldigungen, Misstrauen und jede Menge Konflikte. Nur Ninas Mann Andrew begegnet Millie freundlich – wäre da nicht Ninas zunehmende Eifersucht. „Aber dann kippt das Ganze und es wird richtig spannend“, betont vom Brocke. Die ersten drei Bände habe sie regelrecht verschlungen.

Die ersten drei Bände habe sie regelrecht verschlungen.
Foto: Amaris Seegmüller

Farbschnitt: Nette Deko oder echtes Kaufargument?

Auch die bunten Farbschnitte im Neon, passend zu den Covern der Autorin fallen einem direkt ins Auge. Aber kommen Farbschnitte bei den Lesern wirklich so gut an? Während bei älteren Lesern der klassische Krimi hoch im Kurs steht, hat die jüngere Generation offenbar ganz andere Prioritäten. New Adult statt norddeutscher Küstenkrimi – und dabei darf es gerne etwas bunter werden.

Denn auch die sogenannten Farbschnitte auf den Kanten der geschlossenen Buchseiten sind längst mehr als ein kleines Extra. Gerade jüngere Leser achten darauf, weiß vom Brocke. „Entweder sammeln sie Bücher ohne Farbschnitt, damit alles gleich ist, oder Bücher komplett mit Farbschnitt. Es darf nicht gemischt sein.“

Ein aktueller Hype ist die „Mindfuck“-Thriller-Reihe von S. T. Abby. Die einzelnen Bücher ergeben nebeneinandergestellt ein Bild auf dem Buchrücken. „Das werden fünf Stück. Der erste Band ist mittlerweile schon im Nachdruck. Das wird auch ziemlich gut gekauft.

Ein aktueller Hype ist die „Mindfuck“-Thriller-Reihe von S. T. Abby.
Foto: Amaris Seegmüller

Bücher werden teurer – und trotzdem gelesen

So schön neue Bücher auch sind: Ganz billig ist das Lesevergnügen mittlerweile nicht mehr. Auch in der Buchhandlung merkt man, dass Kunden stärker auf den Preis schauen. „Leute, die wirklich viel lesen, leisten sich das auch noch. Aber es gibt durchaus auch Leute, die das Geld nicht so locker haben und natürlich auch auf den Preis schauen.“ Manche Kunden kommen deshalb mit einem festen Budget in die Buchhandlung. „Das ist schon ein Problem geworden, dass die Preise gestiegen sind.“

In Deutschland sorgt die gesetzliche Buchpreisbindung dafür, dass Verlage einen festen Verkaufspreis für Bücher und E-Books festlegen. An diesen müssen sich auch die Händler halten. Ein Buch kann also nicht einfach von einer Buchhandlung deutlich günstiger angeboten werden als von der nächsten. Vom Brocke sieht die Preisbindung dennoch positiv: „Die Buchpreisbindung finde ich sehr gut, denn ansonsten könnten so kleine Buchhandlungen, wie wir, gar nicht existieren.“

Tipp Nummer vier: „Die Olchis und das Sams“ – ein Kinderbuch von Erhard Dietl und Paul Maar

Zum Schluss wird es noch einmal bunt und familienfreundlich. „Die letzte Empfehlung, die ich habe, ist ein Buch für Kinder.“ In „Die Olchis und das Sams“ treffen zwei ziemlich außergewöhnliche Welten aufeinander: Das Sams und die Olchis müssen gemeinsam die kaputte Wunschmaschine von Herrn Taschenbier reparieren. „Die Frage ist: Schaffen sie das oder schaffen sie es nicht? Um das zu erfahren, müsst ihr es lesen“, sagt vom Brocke mit einem Augenzwinkern.