Warum wird der Tunnel immer wieder gesperrt? Wer entscheidet eigentlich, was in Plettenberg passiert? Und weshalb muss die Stadt Geld an den Märkischen Kreis überweisen? Fragen, die viele Bürger beschäftigen. Zwei 26-jährige Plettenberger wollen Antworten geben – kurz, verständlich und möglichst ohne politisches Fachchinesisch. Mit ihrem Projekt „Plettenberg verstehen“ wollen Tim Ihne und Justus Hein Interesse an der Kommunalpolitik wecken und Vorurteile abbauen.

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Wer schon einmal eine Ratssitzung verfolgt hat, weiß: Kommunalpolitik ist nicht immer leicht zu verstehen. Haushaltsberatungen, Ausschusszuständigkeiten, Verwaltungsvorlagen und komplizierte Entscheidungswege machen es selbst interessierten Bürgern nicht leicht, den Überblick zu behalten.

Tim Ihne und Justus Hein kennen das Problem aus eigener Erfahrung. Die beiden 26-Jährigen engagieren sich seit einigen Jahren in der Plettenberger FDP. Sie verfolgen regelmäßig Rats- und Ausschusssitzungen, zunächst als Zuschauer, inzwischen auch in politischen Funktionen.

Hein studiert Jura und kandidierte bei der vergangenen Kommunalwahl für den Stadtrat. Seit Beginn der neuen Wahlperiode ist er stellvertretender sachkundiger Bürger im Bau- und Planungsausschuss sowie im Bildungs- und Sportausschuss. Ihne ist selbstständig und betreibt eine Marketing- und Werbeagentur.

Doch auch wer sich intensiv mit der Kommunalpolitik beschäftigt, versteht nicht automatisch alle Zusammenhänge. „Wir erfahren gerade selbst, wie komplex die Themen sind“, erzählt Ihne.

Aus eigenen Fragen wird eine Idee

Was die beiden im Rathaus erleben, steht bisweilen im Gegensatz zu den Diskussionen in ihrem persönlichen Umfeld. Dort begegnet ihnen auch eine ablehnende Haltung gegenüber der Politik. Entscheidungen werden kritisiert, ohne dass immer bekannt ist, wer sie getroffen hat, warum sie notwendig waren oder welche Möglichkeiten die Stadt überhaupt besitzt.

Ihne und Hein wollen dem etwas entgegensetzen. Nicht mit politischen Forderungen oder Wahlwerbung, sondern mit Erklärungen. So entstand die Idee für „Plettenberg verstehen“. Unter diesem Namen haben die beiden auf Facebook und Instagram eigene Seiten eingerichtet. Ihr Ziel: Kommunalpolitik so erklären, dass auch Menschen ohne politische Vorkenntnisse nachvollziehen können, was im Rathaus passiert. „Wir wollen erklären, warum Dinge so passieren, wie sie es tun“, sagt Ihne.

Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Informationen unterzubringen. Im Gegenteil: Die Beiträge sollen kurz sein, sich auf das Wesentliche konzentrieren und ohne großen Zeitaufwand gelesen werden können. „Aufgrund unserer eigenen Erfahrungen arbeiten wir die Basics auf, sodass sie einfach und ohne viel Zeitaufwand konsumiert werden können“, erläutert Ihne.

Wer entscheidet eigentlich was?

Die Themen liegen gewissermaßen auf der Straße. Wer entscheidet über Projekte in Plettenberg? Welche Aufgaben hat der Stadtrat? Wofür ist die Stadtverwaltung zuständig?

Mit solchen grundlegenden Fragen beschäftigen sich die beiden auf ihren Social-Media-Seiten. Dabei geht es um die Strukturen der Kommunalpolitik und um die Frage, wie Entscheidungen zustande kommen.

Denn Stadtrat und Verwaltung sind nicht dasselbe. Während der Rat über wesentliche kommunalpolitische Angelegenheiten entscheidet, ist die Verwaltung unter anderem für die Vorbereitung und Umsetzung vieler Beschlüsse sowie für laufende Verwaltungsaufgaben zuständig. Hinzu kommen die Fachausschüsse, die sich mit einzelnen Themengebieten beschäftigen.

Wer diese Unterschiede kennt, kann politische Entscheidungen besser einordnen – und weiß auch, an wen er sich mit seinen Anliegen wenden kann.

Wer entscheidet eigentlich was in Plettenberg? Tm Ihne und Justus Hein erklären die Basics der Kommunalpolitik.
Foto: Tim Ihne, Justus Hein

Vom Tunnel bis zur Kreisumlage

Neben solchen Grundlagen greifen Ihne und Hein aktuelle Themen auf, die in Plettenberg für Diskussionen sorgen. Ein Beispiel sind die regelmäßigen Sperrungen des Tunnels. Sie betreffen viele Autofahrer unmittelbar und werfen Fragen nach Ursachen, Zuständigkeiten und notwendigen Arbeiten auf.

Ein anderes Thema ist die Kreisumlage. Hinter diesem Begriff verbirgt sich ein erheblicher Ausgabenposten im städtischen Haushalt. Die Stadt Plettenberg muss, wie die anderen kreisangehörigen Kommunen, Geld an den Märkischen Kreis zahlen. Damit werden Aufgaben des Kreises mitfinanziert, beispielsweise in der Sozial- und Jugendhilfe oder im öffentlichen Gesundheitswesen. Wie hoch die Umlage ausfällt, beeinflusst den finanziellen Spielraum der Stadt. Die Entscheidung über den Kreisumlagesatz trifft allerdings nicht der Plettenberger Stadtrat, sondern der Kreistag im Rahmen des Kreishaushalts.

Gerade solche Zusammenhänge wollen Ihne und Hein verständlich machen. Denn nicht jede Entscheidung, die sich auf Plettenberg auswirkt, wird auch in Plettenberg getroffen.

„Aus unserer eigenen Ahnungslosigkeit“

Die Themenfindung ist dabei denkbar unkompliziert. „Aus unserer eigenen Ahnungslosigkeit“, sagt Hein, ergeben sich die Fragen, mit denen sie sich beschäftigen. Was zunächst wie Selbstironie klingt, beschreibt ihren Ansatz ziemlich genau. Die beiden betrachten die Kommunalpolitik nicht aus der Perspektive langjähriger Mandatsträger, für die viele Abläufe selbstverständlich geworden sind. Sie stellen Fragen, die sich auch andere junge Menschen oder politisch weniger interessierte Bürger stellen könnten.

Die Antworten bereiten sie anschließend für ihre Social-Media-Kanäle auf. Dabei kommt ihnen zugute, dass Ihne als Betreiber einer Marketing- und Werbeagentur beruflich mit der Vermittlung von Informationen und der Gestaltung von Botschaften vertraut ist.

Dass sie selbst noch am Anfang ihrer kommunalpolitischen Laufbahn stehen, sehen sie nicht als Nachteil. Vielmehr können sie nachvollziehen, an welchen Stellen Erklärungsbedarf besteht. „Wir wollen die Leute informieren, ohne zu nerven. Es geht uns darum, Interesse für die Politik in Plettenberg zu wecken“, erklärt Hein.

Positive Reaktionen und offene Ohren für Fragen

Die ersten Reaktionen bestärken die beiden in ihrem Vorhaben. Aus ihrem persönlichen Umfeld erhalten sie nach eigenen Angaben bislang ausschließlich positives Feedback auf ihre Initiative. Offenbar trifft das Angebot, kommunalpolitische Zusammenhänge einfach und verständlich zu erklären, auf Interesse.

Dabei wollen Ihne und Hein nicht nur selbst Themen auswählen. Sie wünschen sich ausdrücklich, dass Bürger mit ihren Fragen auf sie zukommen. Was ist unklar? Welche Entscheidung sorgt für Verwunderung? Und welche kommunalpolitischen Zusammenhänge sollten einmal genauer erklärt werden? „Dazu erstellen wir dann einen Beitrag“, verspricht Ihne. So könnte aus dem Informationsangebot ein Dialog entstehen, bei dem die Fragen der Plettenberger bestimmen, welche Themen als Nächstes aufgegriffen werden.

Parteipolitik soll außen vor bleiben

Bemerkenswert ist dabei, dass beide in der FDP aktiv sind, ihr gemeinsames Projekt aber ausdrücklich nicht als parteipolitische Plattform verstehen. Sie wollen weder für ihre Partei werben noch politische Entscheidungen aus einer bestimmten Parteiperspektive bewerten. Im Mittelpunkt sollen vielmehr die Abläufe, Zuständigkeiten und Hintergründe stehen.

Das ist auch eine Frage der Glaubwürdigkeit. Wer erklären will, wie Kommunalpolitik funktioniert, muss zwischen sachlicher Information und politischer Bewertung unterscheiden. Ihne und Hein wollen mit ihrem Angebot dazu beitragen, dass Entscheidungen nicht allein nach ihrem Ergebnis beurteilt werden, sondern auch die Gründe und Rahmenbedingungen verstanden werden.

Mehr Verständnis statt pauschaler Kritik

Ob ihre Beiträge tatsächlich dazu beitragen, Politikverdrossenheit abzubauen, wird sich erst zeigen müssen. Die positiven Rückmeldungen aus ihrem Umfeld sind für die beiden jedenfalls ein Ansporn, weiterzumachen.

Sie wollen Interesse wecken, Verständnis schaffen und der pauschalen Ablehnung von Kommunalpolitik etwas entgegensetzen. Dabei müssen sie nicht jede Entscheidung gutheißen. Wer politische Abläufe versteht, kann Entscheidungen schließlich auch fundierter kritisieren.

Für Tim Ihne und Justus Hein ist „Plettenberg verstehen“ damit auch eine Möglichkeit, sich über die Parteiarbeit hinaus für ihre Heimatstadt zu engagieren. Und vielleicht beginnt mehr Interesse an der Kommunalpolitik tatsächlich mit einer ganz einfachen Frage: Warum ist das eigentlich so?

Info: Das Projekt „Plettenberg verstehen“ ist auf Facebook und Instagram vertreten. Bürger können den beiden über ihre Social-Media-Kanäle Fragen zur Plettenberger Kommunalpolitik stellen.