Sonnenstrahlen, das Dach geöffnet und der Fahrtwind im Gesicht: Ein Moment, auf den Wilfried Gerdel lange gewartet hat. Genauer gesagt zehn Jahre. Doch jede Minute und jeder Euro waren es dem Oldtimer-Fan wert, dass er jetzt endlich seinen restaurierten Renault Caravelle namens „Elly" fahren kann.

Eine Restaurierung voller Geschichten

„Als das Auto fast fertig war und ich mich reinsetzen wollte, habe ich gemerkt, dass ich zu groß bin für die Sitzposition. Also musste ich auch noch die Schienen nach hinten verlängern", erinnert sich Wilfried Gerdel. Diese Hürde war nur eine von unzähligen weiteren, die die Restaurierung immer wieder ins Stocken brachten. Doch jeder Moment, egal ob zeitintensiv oder nicht, ist einer, der ihn heute noch lange Geschichten erzählen lässt. Allein das Fotobuch, das die Reise der Oldtimer-Restauration begleitet, ist mittlerweile knapp 200 Seiten dick.

Wilfried Gerdel in seinem Renault Caravelle.
Foto: Jung

Eine besondere Geburtstagsüberraschung

„Er wollte schon immer einen Oldtimer restaurieren“, erzählt seine Frau Marion Gerdel. Und nachdem die Halveranerin zusammen mit ihrem Mann im Jahr 2016 die nackte Karosserie bei einem Bekannten in einer Lagerhalle stehen sah, wusste sie, dass sie ihm damit einen sehr großen Wunsch erfüllen konnte. Denn es war eine Geburtstagsüberraschung – und womöglich das beste Geschenk, das der Oldtimer-Fan jemals bekommen hat, wie er im Gespräch mit LokalDirekt verrät.

Dass das Auto überhaupt noch einen Besitzer gefunden hat, gleicht einem Zufall. Seit 1967 stand die Karosserie in einer Lagerhalle in der obersten Etage eines Hochregallagers in Monheim bei Düsseldorf und war über die Jahre fast in Vergessenheit geraten, wie das Ehepaar erzählt. Für 1000 Euro wechselten schließlich die Karosserie und acht Gitterboxen voller Einzelteile den Besitzer.

2016 wurde die Karosserie des Renault Caravelle beschafft.
Foto: Gerdel

Doch bevor Wilfried Gerdel von seinem Geschenk erfahren durfte, musste die Karosserie erst einmal nach Halver kommen. Dafür machte sich Marion Gerdel ein weiteres Mal auf den Weg nach Monheim und holte das besondere Stück selbst ab. In Halver angekommen, wurde die Karosse, die zu der Zeit nur eine Vorderachse besaß, wie eine Schubkarre in eine Scheune geschoben, die Wilfrieds Ehefrau extra für die Restauration gemietet hatte. Er bekam davon zunächst nichts mit. Mit verbundenen Augen wurde er schließlich zu seinem Geburtstagsgeschenk geführt – und sah dort erstmals die Karosserie seiner späteren „Elly“.

Ein Netzwerk für die Restaurierung

Als er die Karosserie sah, wusste Wilfried Gerdel, dass es kein Zurück mehr gab und er das Auto nun restaurieren musste. „Den Arbeitsaufwand habe ich zunächst auch deutlich unterschätzt. Ich dachte, dass ich in zwei bis drei Jahren durch bin“, gibt er zu.

Allein die ersten zwei Jahre waren nötig, um sich ein Netzwerk aufzubauen und das entsprechende Know-how zu entwickeln. Er musste sich zunächst Bücher darüber beschaffen, wie man ein solches Auto überhaupt restauriert. Auch die Scheune musste für die Restauration ensprechend eingerichtet werden. Dazu gehörte unter anderem auch ein sogenannter „Hähnchenspieß", in dem die Karosse aufgehängt und um die Längsachse gedreht werden kann.

Gleichzeitig galt es, Experten zu finden, die ihn bei gewissen Arbeiten unterstützen konnten – etwa beim Lackieren. „Es gibt Sachen, bei denen man auf andere angewiesen ist. Es gibt zum Beispiel kaum Firmen, die Oldtimer lackieren. Diese Betriebe muss man erst einmal finden“, betont er.

Auch so mancher „Kleinkram“ kostete viel Zeit. Auf das Neuverchromen der sechsteiligen Originalstoßstange musste er drei Jahre warten. Doch nicht nur das Warten auf Ersatzteile hielt ihn auf. Auch die Recherchearbeit war sehr aufwendig: Wo bekommt man welches Teil her? Welche Firma kann genau die benötigte Arbeit übernehmen? „Da geht die Sucherei los“, erzählt er.

Und auch beim Schrauben brauchte es Geduld. Manche Dinge musste er zwei- oder dreimal auseinandernehmen, bis sie schließlich funktionierten. „Man muss das Auto kennenlernen." Auch herauszufinden, wie viele verschiedene Schraubentypen in dem Auto verbaut sind, dauerte seine Zeit.

Zusätzlich bremsten die Coronapandemie und seine berufliche Tätigkeit in Karlsruhe die Restaurierung aus. Erst mit dem Eintritt in den Ruhestand hatte Gerdel schließlich mehr Zeit, sich seinem neuen Hobby zu widmen.

„Der erste Oldtimer ist der teuerste"

Eine solche Restaurierung kostet natürlich nicht nur Zeit, sondern auch einiges an Geld. Wie viel letztendlich genau in das Auto geflossen ist, bleibt Gerdels Geheimnis. „Ich habe auf jeden Fall nicht geglaubt, dass der Preis sich so summiert. Ich dachte, dass ich günstiger wegkomme“, erklärt er. Er bereut dennoch keinen einzigen Euro, den er in das Auto gesteckt hat. „Ich weiß auch, dass der erste Oldtimer der teuerste ist. Man muss nämlich erst einmal die Erfahrung machen, wie man es am besten macht.“

„Elly“ wird zum neuen Wegbegleiter

Am 30. Mai war seine „Elly“ erstmals mit eigenem Motor und auf eigenen Rädern unterwegs. Nach unzähligen Kilometern per Anhänger auf dem Weg zu Werkstätten und anderen Stationen ging es schließlich auch ein letztes Mal, gezogen vom Oldtimer-Spezialisten in Brüggen, zurück nach Halver.

Die erste Fahrt mit Oldtimer „Elly".
Video: Gerdel

Seitdem hat Wilfried Gerdel einen neuen Wegbegleiter, den er insbesondere bei sonnigem Wetter auf die Straße bringt. Nach den vielen Jahren Arbeit ist dabei auch ein gewisser Stolz dabei, wenn er mit dem Auto unterwegs ist. „Man fällt mit dem Auto auf. Es erregt mehr Aufmerksamkeit als so mancher Porsche."

Austausch unter Oldtimer-Fans

Viel Wissen habe er sich durch den Austausch mit Gleichgesinnten in ganz Deutschland, von Brüggen an der holländischen Grenze bis nach Schorndorf in Bayern und im Renault Oldie Club Viersen Deutschland, angeeignet. In Gesprächen mit anderen Oldtimer-Fans konnte er Erfahrungen teilen, Fragen klären und sich Tipps für die Restaurierung holen. Aktuell hat der Renault-Club etwa 60 Mitglieder. Auf der Suche nach neuen Mitgliedern ist der Verein jederzeit. Wer also selbst einen Renault-Oldtimer restaurieren möchte und dabei nicht auf sich allein gestellt sein will, findet dort Gleichgesinnte und Experten zur Unterstützung.