Wie ein Paukenschlag durchfuhr die Nachricht das Festzelt unter der Hochstraße: Revolution! Der Ortsteil Eiringhausen sagt sich von Plettenberg los und erklärt sich für unabhängig.

„Der Tunnel als Verbindung zu Plettenberg wird geschlossen, Grenzübergänge sind nur in ganz bestimmten Fällen möglich. Flüchtlinge von der ‚falschen‘ Seite des Tunnels werden allerdings gerne aufgenommen. Egal, ob reich oder arm, Eiringhausen soll das Zuhause eines jeden freien Menschen auf Erden sein“, tönte die Stimme aus dem Off, während sich der Vorsitzende Marc Stahlschmidt auf der Bühne ein Nickerchen gönnte.

In verschiedenen Szenarien unternahmen die Revolutionstruppen alias Biergericht alles, um die Gäste davon zu überzeugen, sich in einem anderen „Staatsgebiet“ zu befinden. Am Ende folgte allerdings die Erkenntnis: Irgendwie brauchen die Eiringhauser die anderen ja doch. Und schließlich erwachte Stahlschmidt aus seinem Alb- oder vielleicht doch Wunschtraum.

Erst schießen, dann fragen

Im kurzen Takt verhandelte das Biergericht Sünden wie „unterlassene Schutzleistung bei eigener Kommission sowie Publikum“, „Urinieren an öffentlichen Gebäuden“ und „Brandstiftung“. Hartwig Voß und Kerstin Wolff stellte das Gericht aufgrund sogenannter „Stalking-Vorwürfe“ kurzerhand in den Dienst der Revolutionstruppen. Im Grenzbereich am Tunnel sollten sie sofort das Feuer eröffnen, sobald jemand außerhalb der grün-weißen Farben im Staatsbereich erscheint. Erst schießen, dann fragen, forderte Staatsanwalt André Böcker.

Für Erheiterung bei den Zuschauern sorgte zudem die psychiatrische Aufarbeitung der toxischen Beziehung von Uwe Teckhaus zu seiner Freundin, die im E-Zigaretten-Kostüm auftrat.

Tanzgazellen feiern 30-jähriges Bestehen

Neben dem 40. Jubiläum der Ohler Kompanie, das am Donnerstag gefeiert worden war, stand am Montag ein weiteres Jubiläum an: Die Tanzgazellen im Biergericht Äggerin (TGBGÄ) traten auch im 30. Jahr ihres Bestehens auf der Biergerichts-Bühne auf. In dieser Zeit erlebten sie fünf Biergerichtspräsidenten und fünf Vorsitzende. Insgesamt 36 Aktive gehörten über die Jahre zur Tanzgruppe. Zeitgeschichtlich durchschritten die Tanzgazellen ein Millennium, eine Weltwirtschaftskrise und eine Pandemie. Mittlerweile zählen sie insgesamt 42 Personen, darunter eine Nähgazelle und zwei Musikgazellen.

Die Tanzgazellen sorgen seit 30 Jahren für beste Unterhaltung beim Eiringhauser Biergericht.
Foto: Ai-Lan Na-Schlütter/LokalDirekt

Als Sünder ist im Eiringhauser Biergericht Vorsicht geboten. Die kalte Dusche ist längst nicht mehr die einzige Strafe, auch der Pranger kommt zum Einsatz. Mitunter geht es sogar dem Haupthaar an den Kragen oder es gibt ein Tattoo.

Wie das Biergericht erfahren hatte, entwickelte Philipp Engelbertz, der bereits im vergangenen Jahr mit seiner speziellen Bettbezugs-Technik von sich reden machte, einen rigorosen Putzfimmel, bei dem ihn selbst das kleinste Härchen störte. Damit ihn künftig keine Haare mehr stören, setzte eine Friseurin den Rasierer an Philipps Kopf an und kürzte seine Haare auf vier Millimeter.

Sabine Böcker wiederum musste ihre Wettschulden aus einer Tipp-Kick-Runde mit Dustin Langenberg einlösen. Sie erhielt das Tattoo „Gelsen-Girl“ auf ihr Fußgelenk.

Teeren und Federn nach Online-Abstimmung

Mit seiner virtuellen Abstimmung „Dein X für das X“ setzte das Eiringhauser Biergericht zudem auf eine Online-Abstimmung. Im Netz konnten Teilnehmer darüber entscheiden, wer für sein Vergehen am X geteert und gefedert werden sollte. Unter den fünf Finalisten traf das Los Gina Kirchhoff, selbst Mitglied des Biergerichts. Der Quast mit der schwarzen Flüssigkeit strich über die Delinquentin, anschließend folgten die Federn.

Das Biergericht verurteilte an diesem Vormittag allerdings nicht nur, sondern erfüllte auch einen Wunsch. Daniel Esser hatte sich eine riesige Bierkiste für 128 Flaschen gewünscht. Der Bautrupp des Biergerichts setzte den Wunsch um und präsentierte ihm die überdimensionale Kiste.

Carsten Göbel gibt die Amtskette weiter

Nach neun Jahren an der Spitze der Eiringhauser Biergerichtstruppe verabschiedete sich Carsten Göbel als Präses. Mit leicht glasigen Augen zog Göbel ein kurzes Fazit seiner Amtszeit und überreichte die Amtskette an seinen Nachfolger André Böcker. Dieser würdigte Göbels Arbeit, mit dem er lange zusammengearbeitet hatte. Im Kreis der Biergerichts-Kollegen wurde der Abschied schließlich emotional.

Carsten Göbel gab die Präsidentenkette an André Böcker weiter.
Foto: Ai-Lan Na-Schlütter/LokalDirekt

„Nur gut, dass wir das an das Ende des BG-Frühschoppens gelegt haben“, war der Tenor der Schöffen. Böcker fasste die Bedeutung des Biergerichts zusammen: „Es ist eben nicht nur Biergericht, es ist eine besondere Kulturform, die es so fast nur in Plettenberg gibt.“

Böckers bisheriges Amt als Staatsanwalt übernimmt Nicola Kirchhoff.

Wie seit Jahren üblich, endete die Veranstaltung mit dem Tanz-Auftritt der Flying Kings, der Altmajestäten des Schützenvereins Eiringhausen.