Systemrelevante Berufe bilden das stille Rückgrat unseres Zusammenlebens. Für die Reportagereihe „Ein Tag im Einsatz“ begleitet die LokalDirekt-Volontärin Amaris Seegmüller Menschen, die dort arbeiten, wo Hilfe nicht warten kann. Der erste Teil führt in den Alltag des Rettungsdienstes in Lüdenscheid und zeigt, was es bedeutet, im Einsatz zu sein – gemeinsam mit den Notfallsanitätern Christian Moll und Marie Wiggeshoff.

Es ist ein ruhiger Moment in der Wache. In der Fahrzeughalle stehen Rettungswagen und Feuerwehrfahrzeuge in Reih und Glied, bereit für den nächsten Einsatz, der jederzeit kommen kann. Nebenan hängen Einsatzkleidung und Ausrüstung griffbereit an ihren Plätzen, alles hat seine feste Ordnung zwischen den Alarmen. Im Aufenthaltsraum sitzt ein Teil der Mannschaft beim Frühstück, es riecht nach Kaffee, Gespräche laufen leise nebenbei. Nur wenige Türen weiter wird der Dienstplan durchgesehen, werden Zuständigkeiten verteilt und die nächsten Stunden besprochen.

Erster Alarm nach dem Dienstbeginn

Christian Moll ist Brandmeister und Notfallsanitäter bei der Feuerwehr Lüdenscheid. Sein Weg begann nicht im Blaulicht, sondern im Handwerk. „Ich bin gelernter Installateur“, erzählt er. Später folgte der Einstieg in den Rettungsdienst als Rettungsassistent, die Weiterbildung zum Notfallsanitäter und schließlich die feuerwehrtechnische Ausbildung. Trotzdem hatte er schon früh Kontakt mit dem Beruf: „Ich bin schon seit der Jugendfeuerwehr in der Freiwilligen Feuerwehr tätig“, erklärt Moll. Dabei hat ihn auch das Schichtmodell inspiriert. „Wir arbeiten 24 Stunden und haben dann 48 Stunden frei.“ Auch seine Kollegin Marie Wiggeshoff ist gelernte Notfallsanitäterin.

Christian Moll ist Brandmeister und Notfallsanitäter bei der Feuerwehr Lüdenscheid.
Foto: Amaris Seegmüller

Kurz nach dem gemeinsamen Sonntagsfrühstück und dem Dienstappell kommt der erste Einsatz des Tages. Ein Rettungswagen wird in ein Alten- und Pflegeheim alarmiert. Dort liegt ein Bewohner mit Atemnot, die bereits seit mehreren Tagen besteht, sich aber akut verschlechtert hat. Vor Ort zeigt sich ein bekanntes Bild für den Rettungsdienst: Der Patient selbst sieht die Situation zunächst anders als das Team und möchte nicht mit ins Krankenhaus. „Der Patient war erst nicht dafür, dass wir ihn mit ins Krankenhaus nehmen. Er hat selbst gar nicht richtig eingesehen, dass es ihm schlecht geht“, beschreibt Moll die Situation.

Es folgt das, was im Rettungsdienst oft genauso wichtig ist wie die medizinische Versorgung selbst: Kommunikation, Geduld, Erklären, Vertrauen aufbauen. Am Ende gelingt es, den Patienten von einer Behandlung im Krankenhaus zu überzeugen. Bereits im Rettungswagen beginnt die Versorgung, erste Maßnahmen greifen. „Es ging ihm nach kurzer Zeit schon merklich besser“, sagt Moll, in seiner Stimme liegt die Erleichterung darüber, rechtzeitig geholfen zu haben.

24 Stunden gemeinsam: Arbeiten, wohnen, leben

Der Rettungsdienst ist kein klassischer Arbeitsalltag mit klarer Trennung zwischen Job und Pause. „Wir verbringen genau 24 Stunden miteinander“, erklärt Moll. Der Alltag besteht dabei nicht nur aus Einsätzen, sondern auch aus Fahrzeugchecks, Aufbereitung, Ausbildung und körperlichem Training. Auch das gemeinsame Leben gehört dazu: Essen, kurze Pausen oder am Abend gemeinsames Fernsehen oder Gespräche über Privates. „Wir sind schon etwas dichter miteinander verbunden als in einem Standardberuf“, sagt er.

In der Fahrzeughalle stehen Rettungswagen und Feuerwehrfahrzeuge in Reih und Glied, bereit für den nächsten Einsatz, der jederzeit kommen kann.
Foto: Amaris Seegmüller

Der Dienst beginnt mit dem Wachwechsel um 7.55 Uhr. Davor wird sich umgezogen, Einsatzkleidung angelegt und die Ausrüstung bereitgelegt. Dabei gibt es auf der Wache eine strikte Schwarz-Weiß- Trennung der Einsatzkleidung. Für das innere des Gebäudes gilt: Die „Weiß-Kleidung“: blaue Klamotten mit T-Shirt, Hose, gegebenenfalls Fleecejacke und Schuhe werden getragen. Für Einsätze wird auf die rot-gelben Einsatzklamotten, die „schwarz-Kleidung“, gewechselt. Anschließend werden die Fahrzeuge kontrolliert: Medizinische Geräte, Material, Verbrauchsmittel. Alles wird nach Checkliste geprüft und dokumentiert und auf Funktion geprüft. Danach folgt die Reinigung und Desinfektion. Und währenddessen bleibt immer ein Prinzip im Hintergrund bestehen: Wenn der Melder geht, wird alles sofort unterbrochen.

„Wir haben unter der Woche fünf RTWs und ein Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) im Einsatz“, erklärt Wiggeshoff. „Der Notarzt für das NEF kommt aus dem Krankenhaus. Es gibt einen ersten und zweiten Notarzt - der erste fährt primär raus, der zweite arbeitet im Krankenhaus und unterstützt bei Bedarf. Insgesamt sind wir etwa 40 Leute in einer von drei Wachabteilungen, heute stehen rund 23 im Dienstplan um alle Funktionen im Brandschutz und Rettungsdienst besetzen zu können.“

Einsatz zwei und drei – wenn Diagnose Arbeit wird

Notfallsanitäterin Marie Wiggeshoff beschreibt Einsätze, in denen Informationen erst zusammengesetzt werden müssen. Bei einer Patientin mit Herzinsuffizienz fehlen zunächst medizinische Unterlagen. Lücken bei den Vorerkrankungen müssen durch Anamnese geschlossen werden. „Wir stellen ja erstmal nur eine Verdachtsdiagnose, damit die Ärzte wissen, in welche Richtung sie untersuchen müssen“, erklärt sie. Die endgültige Diagnose liege immer beim Arzt.

Ein weiterer Einsatz betrifft eine Patientin mit Harnwegsinfekt, der sich bereits ausgebreitet haben könnte. Die Sorge: eine beginnende Sepsis. „Das Problem ist, wenn die Krankheitserreger ins Blut übergehen, kann es zu einer Sepsis, also einer Blutvergiftung kommen“, erklärt sie. „Das beeinflusst den gesamten Organismus. Sie war gerade in einer beginnenden Phase, da entwickelt sich viel, weil der Körper erstmal versucht gegen den Erreger zu arbeiten. Sie braucht auf jeden Fall bald ein Antibiotikum, damit das abklingt.“

„So viele Menschen haben wir schon im Schlafanzug gesehen“

Der Rettungsdienst bedeutet auch Nähe in Momenten, die sonst privat bleiben würden. „So viele Menschen haben wir schon im Schlafanzug, nackt oder in prekären Situationen gesehen“, sagt Moll nüchtern. „Das ist unser tägliches Brot. Sei es der Arbeiter, der komplett voller Dreck auf der Trage liegt. Das ist für uns völlig normal.“ Und manchmal begegnet dem Team auch Scham: „Manche sagen: Wenn ich gewusst hätte, dass ihr kommt, hätte ich noch aufgeräumt. Aber das ist in so einer Situation überhaupt nicht nötig und nebensächlich.“

Die Einsatzkräfte sind eng mit der Leitstelle verbunden. Über Statusmeldungen bleibt der Standort der Fahrzeuge jederzeit nachvollziehbar – von Einsatzbeginn bis Rückkehr. Der Ablauf folgt festen Codes: Einsatz übernommen, am Einsatzort, Patienten aufgenommen, Transport, Einsatz beendet, Fahrzeug wieder einsatzbereit oder defekt. Ein Einsatz dauert im Schnitt etwa eine Stunde, hinzu kommen rund 15 Minuten Dokumentation und Nachbereitung. „Und alles, was wir verbrauchen, müssen wir wieder auffüllen“, erklärt Moll. Getankt wird regelmäßig – spätestens, wenn der Tankstand unter drei Viertel fällt. Nach jedem Transport wird der Rettungswagen desinfiziert.

Wenn der Melder den Tag bestimmt

Der Melder bleibt in jeder Situation ein zentrales Element. „Wenn der losgeht, fahren wir sofort raus – der Einsatz hat immer Priorität“, erörtert Moll. Zwischendurch: Ausbildung, Praxisanleitung, Training. Moll begleitet angehende Rettungs- und Notfallsanitäter, arbeitet mit realitätsnahen Szenarien und hält medizinisches Wissen aktuell. Die Medizin, sagt er, verändert sich ständig.

Es gibt ruhige Tage – und Tage, an denen Einsätze Schlag auf Schlag kommen. „Manchmal hat man nur noch einen Müsliriegel in der Tasche“, sagt Moll mit einem kurzen Lächeln. Auch Dienstsport gehört zum Alltag dazu. Ruhezeiten sind zwar fest vorgesehen, können aber jederzeit durch den Melder unterbrochen werden. „Nach etwa 60 Sekunden sind wir einsatzbereit im Fahrzeug“, beschreibt er die Reaktionszeit. „Das passiert bis morgens früh, dann kommt die nächste Wacheabteilung und löst uns wieder ab.“

Einsätze, die bleiben

Manche Einsätze verschwinden nicht mehr aus dem Gedächtnis. Moll spricht über einen schweren Einsatz mit einem Säugling, der ihn bis heute begleitet. Auch Wiggeshoff erinnert sich an eine Reanimation nach einem Gewaltdelikt: „Vor ein paar Monaten hatte ich eine traumatologische Reanimation. Da wurde ein Ehepaar von den Nachbarn mit einem Messer verletzt. Die Frau ist daran verstorben. Wir haben versucht, sie wiederzubeleben, aber es war nicht möglich.“

Solche Einsätze sind selten – aber sie prägen. Der Umgang damit ist individuell: Gespräche im Team, unter Kollegen, mit Präventionsteams oder bewusstes Verarbeiten im eigenen Tempo. Der Beruf ist dabei nicht nur mental, sondern auch körperlich fordernd: Tragen, heben, arbeiten unter Zeitdruck. „Wir müssen unser Equipment immer dahin bringen, wo der Patient ist. In einem mehrstöckigen Haus ist es fast immer ganz oben“, schmunzelt Moll. Technik hilft: Elektrische Tragen, moderne Ausrüstung. Doch die Belastung bleibt. „Man muss damit rechnen, in Situationen zu kommen, die man sonst nie sieht“, sagt Moll.

Einige wechseln später in andere Bereiche – etwa in die Industrie. „Hersteller von Beatmungsgeräten brauchen Leute, die Einweisungen machen oder im Kundendienst arbeiten. Die müssen uns ja auch schulen, damit wir das Wissen weitergeben können“, erklärt Moll. Der Beruf verändert – und kann unter Umständen auch in neue Richtungen führen.

Wenn der Beruf mit nach Hause kommt

Der Rettungsdienst verändert den Blick auf den Alltag. Risiken werden schneller erkannt, Situationen anders bewertet. Auch im Privaten bleibt dieser Blick bestehen. „Ich glaube schon, dass wir alle ein Helfer-Syndrom haben“, konkretisiert Moll. „Im Privatleben denkt man trotzdem immer auf Rettungsdienstebene. Ich habe Kinder und weiß nicht, wie oft ich ihnen täglich sage, dass sie beim Fahrradfahren einen Helm aufsetzen oder nicht die Treppe runterrennen sollen.“

Ein Wunsch zum Schluss

Am Ende eines Dienstes bleibt Zeit für einen kurzen Blick auf das, was im Einsatzalltag oft mitschwingt, aber selten ausgesprochen wird. „Man merkt schon eine gewisse Respektlosigkeit in dem Rettungsdienst gegenüber“, bemerkt Moll. „Es wäre schön, wenn Dinge wie Anstand und Moral wieder etwas mehr Einhalt gebieten würden.“

Auch die Fahrt zum Einsatzort birgt häufig Probleme. „Wenn wir mit Blaulicht irgendwo um die Ecke kommen, dann stellen wir relativ häufig fest, dass der allgemeine Autofahrer aufgeregt ist und Entscheidungen trifft, die wir im Rettungswagen nicht ganz nachvollziehen können“, beschreibt er. „Ich würde mir wünschen, dass dem Rettungswagen zügig Platz gemacht wird und im Zweifel auch – natürlich vorsichtig – eine Ampel überfahren wird, um eine Kreuzung freizumachen.“

Am Ende bleibt ein Gedanke, der sich durch viele Einsätze zieht: „Ich würde mir wünschen, dass Menschen im Alltag mehr aufeinander achten und nicht wegschauen.“ Eine Beobachtung aus einem Beruf, in dem genau dieses Hinsehen oft den Unterschied macht. Und irgendwo zwischen Kaffee, Schlaf und Einsatz bleibt das Wissen: Der nächste Einsatz kommt. Immer.